Bahnhof Wiesenburg, Wiesenburg, Dorfspaziergang

Dorfspaziergang durch die Geschichte des Bahnhofs Wiesenburg

Wiesenburg. Über 40 Interessenten fanden sich Anfang April am Wiesenburger Bahnhof ein, um etwas über den Ortsteil zu erfahren. Barbara Klembt, ehemalige Bürgermeisterin der Gemeinde Wiesenburg/Mark und Norbert Hesse, Ortsvorsteher von Wiesenburg, führten gemeinsam mit ortskundigen Bürgern und Einwohnern durch die Siedlung.

Die Veranstaltung fand im Rahmen von „Wiesenburg aktiv gemeinsam gestalten“ statt und bot eine gute Gelegenheit, etwas über den Ortsteil zu erfahren, sich auszutauschen und kennenzulernen. Denn am Rundgang nahmen sowohl ehemalige, jetzige als auch zukünftige Bewohner teil.

Bereits seit Ende des zweiten Weltkriegs wohnen Ingrid und Siegfried Hildebrandt am Bahnhof. Sie kamen als Flüchtlinge aus Posen mit dem Zug. „Es lag noch Schnee“, erinnert sich Ingrid Hildebrandt. In Wiesenburg hieß es – alles aussteigen, Endstation. Wo sind wir hier nur gelandet, fragte sich das Ehepaar. Erst wohnten sie direkt am Bahnhof.

Als später die Wohnhäuser hinter den Schranken in Richtung Medewitz gebaut wurden, zogen sie dort ein, denn Siegfried Hildebrandt arbeitete bis zu seiner Pensionierung auf dem Forststützpunkt. Dieser wurde in den 50er Jahren eingerichtet, um den Transport des Holzes zur Verarbeitung zu erleichtern. Und natürlich sollten auch die Angestellten keinen weiten Arbeitsweg haben. 1993 wurde der Betrieb durch den Forstwirtschaftsbetrieb eingestellt. Viele erinnern sich noch an die Forstküche. Diese kochte für die Mitarbeiter, die Waldarbeiter bekamen ihr Mittagessen in den Wald geliefert. Aber auch Schule und Kindergärten wurden von dort aus versorgt. Jetzt ist alles im Besitz des Forstbetriebes Barnetz. Es wird also weiterhin mit Holz gearbeitet und auch die Küche wird noch genutzt. Es gibt dort einen Imbiss und auch ein Tagesessen.

Gegenüber befindet sich die ehemalige Baumschule Gebbers. Sie entstand 1864 im Zuge der Umgestaltung des Wiesenburger Parks. Es wurde dort neben Gehölzen und Koniferen für den Park auch Obstgehölze, Magnolien, Hibiskus und Sommerflieder gezüchtet. Also all das, was man normal nicht kaufen konnte. Adelheid Müller, ehemals in der Baumschule beschäftigt, erinnert sich gut und gern an diese Zeit. „Am ersten Verkaufstag musste die Polizei regelmäßig alles abriegeln, so groß war der Andrang“, schmunzelt sie heute. Die ersten Kunden standen schon früh um fünf vor dem Tor, wenn um acht geöffnet wurde. Denn jeder wusste, hier bekomme ich, was es sonst nicht gibt. 1972 wurde der Betreib verstaatlicht. Gearbeitet wurde dort bis 2002. Ein Nachfahre des Firmengründers bekam den Betrieb rückübertragen, konnte sich aber gegen die billige Konkurrenz nicht mehr behaupten. Jetzt gehört auch dieses Areal dem Forstbetrieb Barnetz, der dort Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt. Im Sommer kann man dort auch leckere Heidelbeeren kaufen.

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Auch Joachim Buchholz aus Jeserig wusste viele Anekdoten zu berichten. Er ist als Kind auf dem Bahnhof aufgewachsen und wusste noch genau, welches Gebäude wo stand und was so alles ablief. So erinnert er sich, dass am Bahnhof regelmäßig Schweine verladen wurden, sowohl aus der LPG als auch von Privatleuten.

Der Kohlehandel Fäder siedelte sich an. Daran erinnert noch das Wiegehäuschen, welches jetzt die Bushaltestelle ist. 200 Schweine und 37 Rinder wurden monatlich für den Export verladen. Für die Kinder war der Bahnhof ein Abenteuerspielplatz. Begeistern waren sie immer wieder von den Soldaten der Sowjetarmee, die mit ihren Panzern Halt machten. „Wir waren begeistert, auf den Panzern herum klettern zu dürfen“, schmunzel Joachim Buchholz heute. Auch erinnert er sich eine Munitionsexplosion, bei der die Brücke in Richtung Güsten gesprengt wurde.

Auch über das Sägegatter in der „Waldmühle“ wusste er Bescheid. Dieses ging 1882 in Betrieb. Nach dem Krieg hatten es die Sowjetsoldaten ausgebaut. Erst 1951 gab es wieder ein neues Gatter, was Herbert Dobritz zu verdanken war. Die Waldmühle war einer der größten Arbeitgeber im Umkreis. Dort gab es auch einen Kulturraum, in dem regelmäßig Filmvorführungen stattfanden. Joachim Buchholz erinnert sich, dass die Sägespäne mit Kiepen aus dem Keller getragen werden mussten. Das war auch eine beliebte Ferienarbeit für Schulkinder, die sich so ein bisschen ihr Taschengeld aufbesserten. Auf dem Gelände soll jetzt ein Ko-Dorf entstehen. Die zukünftigen Bewohner erzählten über ihre Pläne.

Ein Stück weiter steht die alte Tankstelle. Diese ist seit den 90er Jahren nicht mehr in Betrieb, diente aber einige Male als Filmkulisse. Gegenüber stand die alte Molkerei. Baubeginn dafür war 1937, die Inbetriebnahme 1938 als Raiffeisen-Genossenschaftsmolkerei bis 1959. Seit 1953 war dort die PGH Bau Wiesenburg, mit der Wende GmbH, untergebracht. Heute befindet sich dort der Bauhof der Gemeinde.

Schließlich ging es über den Tränkeberg zurück zum Bahnhof. Alle waren froh, sich im Bistro von Robin Weber ein bisschen aufwärmen zu können. Er hat mit einem Mitstreiter das Gebäude von der Bahnhofsgenossenschaft gemietet. Neben einem Bistro bietet Robin Weber Country- und Fussballgolf an. Im ehemaligen Güterschuppen befindet sich eine Modellfahrzeuganlage. Aber der Bahnhof ist auch Ausgangspunkt für Touristen für Ausflüge in den Wiesenburger Park und sonstige Aktivitäten in der Region.

Bahnhof Wiesenburg – kurz und knapp

  • Bau der Strecke Berlin – Blankenheim über Güsten als sog. „Kanonenbahn“ (Gesetz dazu 1873 nach deutsch-franz. Krieg, Verbindung zwischen Elsass-Lothringen und der Ostgrenze des deutschen Reiches) bewusst unter Umgehung größerer Städte
  • Vorarbeiten ab 1874
  • Inbetriebnahme
    • April 1879 Güterverkehr
    • Mai 1879 Personenverkehr
  • Laut Chronik „ohne jede Festivität“ eröffnet!
  • Spatenstichfeier nur in Belzig am 10. April 1875 mit Festrede, Festzug, Zweckessen und Ball
  • 1879 entsteht Bahnhofsgebäude als Typenbau für Bahnhöfe 3. Klasse
  • Anfang der 1920er Jahre Anlagen des Bahnhofs erweitertEs kamen zusätzliche Gleise hinzu, zwei neue Stellwerke und ein Mittelbahnsteig wurden gebaut.
  • Juni 1923 – Eröffnung der Strecke Berlin – Dessau, die es auch heute noch gibt, damals bis Aschersleben,im Laufe der Jahre entwickelt sich enormer Holzhandel
  • ab 1882 Bau von zwei Dampfsägemühlen
  • Die „Gräflich-Fürstensteinsche Dampfsägemühle“ ging am 02.03.1883 in Betrieb; 1945 Abbau als Reparationsleistung; Anfang 50-iger Jahre Wiederaufbau als „Waldmühle“ und Gleis zum  Sägewerk westlich der Bundesstraße Sägewerk vom Mahlsdorfer Rittergut Ende 19. Jahrhundert;folgend Vergrößerungen am Bahnhof fanden statt,  z.B.
    • Töpferwaren aus Görzke und Ziesar verladen
    • Mauersteine aus der Ziegelei Reetzerhütten
    • Milch und andere Güter vom Gut Wiesenburg und Umgebung
    • Beeren aus der Brandtsheide
    • Arbeitskräftependler sog. „Rucksackbauern“ nach Berlin und Dessau
  • Ausflugsverkehr ab 20-iger Jahre, alter Flyer und Postkarten erinnern daran
  • Kohlehandel Fäder siedelte sich an, historische Waage erinnert daran
  • ab 1993 Einstellung des Güterverkehrs
  • Ende des Sägewerkes
  • Abriss der alten Sägewerksvilla
  • Schließung Bahnhofsgebäude durch die Bahn, nur noch Wachschutz
  • Auszug der letzten Wohnungsmieter 1996
  • Gründung der Bahnhofsgenossenschaft am 11. Mai 2010
  • Ankauf des Gebäudes, Instandsetzung
  • ab 01. Oktober 2002  Einstellung des Regionalbahnbetriebs Belzig – Magdeburg (Kanonenbahn)
  • heute im Gebäude – Countrygolf und Modellschuppen Robin Weber
  • Umgestaltung Bahnhofsvorplatz 2007/08;
    • statt Wiegehäuschen Buswartestelle
    • statt Konsum heute Fahrradständer
  • Das ehemalige Bahnbedienstetenhaus wird gerade saniert. Dort sollen Ferienwohnungen entstehen.

über die Schranken:

  • Forstbetrieb Anfang 50-iger Jahre für Holztransport Stützpunkt
  • Baumschule
  • heutige Nutzung beider Objekte Forstbetrieb Barnetz

Richtung Wiesenburg

  • VEB Saatzucht
  • VdgB – BHG
  • Ein Kodorf entsteht
  • Tankstelle
  • gegenüber befand sich die Alte Molkerei Baubeginn 1937; Inbetriebnahme 1938 als Raiffeisen-Genossenschaftsmolkerei anstelle Grubo, Wiesenburg und Reetz; Schluss 1959
  • seit 1953 PGH Bau Wiesenburg, mit der Wende GmbH
  • heute Bauhof der Gemeinde
  • Abzweig zum Tränkeberg; Forsthaus (Kalotsche) Denkmal, um 1890 erbaut, bestehend aus Wohnhaus, Wirtschaftsgebäude und Schuppen
  • gehörte bis 1928 zum Gutsbezirk Mahlsdorf,
  • dann zur politischen Gemeinde Reetzerhütten

(Artikelfoto: Barbara Klembt und Norbert Hesse führten durch den Ortsteil)

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