Wiepersdorf. Stipendiat*innen machen auf die unmittelbar bevorstehende Schließung der Künstlerresidenz aufmerksam und kritisieren die zögerliche und intransparente Haltung der politisch Verantwortlichen. Am 25. Juni 2018 laden sie ab 20 Uhr zu einer Protestveranstaltung mit literarischem Rahmenprogramm ins Literaturforum im Brecht-Haus Berlin ein.
In den vergangenen Wochen ist bekannt geworden, dass das Schloss Wiepersdorf am 31. Juli 2018 zu Sanierungszwecken auf unbestimmte Zeit geschlossen wird. Die Eigentümerin Deutsche Stiftung Denkmalschutz steigt zugleich aus der bisher existierenden Partnerschaft mit dem Bundesland Brandenburg aus, in der das Haus als Künstlerresidenz betrieben wurde. Ein neues Betreiberkonzept wurde von der brandenburgischen Landesregierung nicht vorgelegt. Somit bleibt trotz zuletzt optimistischer Medienberichte unklar, ob oder in welchem Umfang das Haus zukünftig als Künstlerresidenz zur Verfügung stehen wird.

Aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf wollen diese Situation nicht einfach hinnehmen. Sie kritisieren, dass die Landesregierung Brandenburgs nur zögerlich für den Betrieb des Hauses als Arbeitsort für Künstler*innen eintritt und damit das nationale und internationale Ansehen von Schloss Wiepersdorf genauso aufs Spiel setzt, wie die langjährigen Kooperationen mit zahlreichen Partnern im In- und Ausland. Die Brandenburgische Kultusministerin Dr. Martina Münch ließ im Beisein der Stipendiat*innen am vergangenen Donnerstag zwar verlauten, dass sie sich der Bedeutung von Schloss Wiepersdorf bewusst sei und daher Verantwortung für den Ort übernehmen wolle. Ein neues Betreiberkonzept legte sie aber nicht vor. Die Stipendiat*innen kritisieren, dass die Bemühungen um ein solches hinter geschlossenen Türen stattfinden. Weder wurden bisher konzeptionelle Ideen zur zukünftigen Ausrichtung des Hauses transparent gemacht, noch werden die Künstler- und Schriftstellerverbände in den Planungsprozess einbezogen. Auch wurde bisher kein verbindlicher Zeitplan für den Neustart der Künstlerresidenz benannt. Klar ist lediglich, dass das Haus mindestens im Jahr 2019 geschlossen bleiben wird und Ersatzmaßnahmen zur Förderung der Künstlerschaft, etwa Kooperationen mit anderen Künstlerhäusern oder ortsungebundene Arbeitsstipendien, in diesem Zeitraum nicht vorgesehen sind.
Daher haben sich die Stipendiat*innen entschlossen, ihrem Anliegen mit einer Protest-, Informations- und Vernetzungsveranstaltung im Literaturforum im Brecht-Haus (Chausseestraße 125, Berlin) Nachdruck zu verleihen und so eine breite Öffentlichkeit auf die weiterhin ungeklärte Zukunft des Hauses aufmerksam zu machen. Zugleich wollen sie die Bedeutung des ältesten Künstlerhauses Deutschlands unterstreichen. Im Rahmen der Veranstaltung liest daher Annett Gröschner aus ihrem Manuskript „Die Köchinnen von Wiepersdorf“. Judith Zander stellt Gedichte aus dem „Wiepersdorf“-Zyklus von Sarah Kirsch sowie eigene Texte vor. Moderiert wird der Abend vom Journalisten Tomas Fitzel.
Schloss Wiepersdorf ist als Künstlerhaus im Herzen Brandenburgs, unweit der Kunststädte Leipzig, Halle, Dresden und vor den Toren Berlins eines der wichtigsten kulturellen Zentren Deutschlands. Seine lange Tradition geistigen Austauschs reicht von der Romantik über die DDR-Zeit bis in die Gegenwart. Seit 1947 konnten sich hier über eintausend Kulturschaffende in inspirierender Umgebung ihrer kreativen Arbeit widmen. Im Sinne der 2015 von Frank-Walter Steinmeier angeregten Vernetzung internationaler Künstlerhäuser kommen hier Autor*innen, Komponist*innen und Bildende Künstler*innen aus aller Welt zusammen. Für sie bietet das Haus die Möglichkeit, in einem begrenzten Zeitraum frei von ökonomischen Zwängen zu arbeiten, sich interdisziplinär zu begegnen und durch intensiven Austausch weiterzubilden. Ein subventionierter Rahmen ist hierfür nicht nur legitim, sondern in einem gesellschaftlichen Bereich, den ausschließlich monetäre Erwägungen korrumpieren würden, schlichtweg notwendig.
Den Initiator*innen der Veranstaltung kommt es aber auch darauf an, deutlich zu machen, dass der Erhalt des Künstlerhauses eine besondere identitätsstiftende Wirkung auf Ostdeutschland entfaltet. Nach dem Motto „Kunst rechnet sich nicht, zahlt sich aber sehr wohl aus“ kommt dem Künstlerhaus somit eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung zu.
Die Stipendiat*innen des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf
Bettina-von-Arnim-Straße 13
14913 Wiepersdorf
Christine Anlauff, Isabel Fargo Cole, Ingo Fröhlich, Sven Gatter, Bettina Gärtner, Marianne Gielen, Frenzy Höhne, Laurynas Katkus, Anna Kautenburger, Reinhard Krehl, Rieke Köster, Sibylle Prange, Catrin Raber, Rina Schmeller, Bernd Schuchter, Alexa-Karina Schöne, Ulrike Seyboth, Charlotte Warsen, Martin Wistinghausen, Judith Zander, Hannah Zufall
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