Wiesenburg:Von Robinie bis Herbstaster

„Pflanzen sollte man nur allein kaufen“ sagt Ursula Focke. Dabei ist ihr ein Erlebnis in einem Blumenmarkt im Gedächtnis geblieben. Ein Ehepaar kaufte dort ein. Während die Frau die verschiedensten Pflanzen in den Wagen packte, nahm sie der Mann brummelnd wieder heraus. Betritt man das Grundstück der 82 jährigen, fühlt man sich in frühere Zeiten zurück versetzt. Die Torbögen sind überwuchert mit Rankengewächsen, der Weg bis zum Sitzplatz liebevoll dekoriert. Auf dem kleinen Hof ein extra Schälchen. „Das ist für die Igel“, so Ursula Focke. Jeden Abend kommen drei der Tierchen hintereinander. Soviel kann sie zumindest sehen, solange es hell ist. Auf alle Fälle ist der Napf am nächsten Morgen leer. Kurz davor steht eine große Robinie. Alle Bekannten erklärten Ursula Focke für verrückt, sich so ein großes Gewächs in den Garten zu holen. Aber sie liebt den süßen Duft der Blüten im Frühjahr. Außerdem ist sie stolz, dass der Baum überhaupt so groß geworden ist. Denn er ist in Rostock in einem Blumentopf gekeimt. Von dort hat sie ihn als kleines Pflänzchen mitgebracht und 1997 in ihren Garten gepflanzt. Neben dem Sitzplatz steht ein Obstbaum mit 2 riesigen Misteln. Die sind allerdings nicht von selbst gewachsen, da hat Ursula Focke nachgeholfen. „Einfach die reifen weißen Beeren an die Äste drücken, die klebrige Masse darin hält an der Rinde“, erklärt sie. Das Interesse am Grünen und am Garten kommt nicht von ungefähr. Ursula Focke hat eine Ausbildung in der Pflanzenzüchtung und wollte eigentlich Biologie studieren. Aber das war in den 50er und 60er Jahren schwierig, denn es gab im Anschluss keine Stellen. „Wir bilden doch nicht für den Westen aus“, wurde ihr oft gesagt, denn damals waren die Grenzen noch nicht geschlossen. Und im Westen musste so ein Studium teuer bezahlt werden.  „Hattet ihr nie Lust, in den Westen zu gehen?“ fragte Ursula Focke ihre Eltern. Ihre Mutter antwortete: „Das hätten wir nie gemacht, denn du solltest eine Ausbildung kriegen, die hätten wir uns im Westen nie leisten können.“ Seit 1953 wohnt Ursula Focke in Wiesenburg und bezeichnet das kleine Häuschen als ihr Elternhaus. Denn eigentlich kommt die Familie aus Böhmen, wurde umgesiedelt und wohne zuerst in Reetz. Noch heute bestehen enge Kontakte zur Familie des Tischlermeisters Rolf Friedrich. Dort holten sie damals frische Eier und Obst von der Streuobstwiese. Die frischen Eier bekommt sie noch heute von Sohn Uwe und seiner Familie bis vor die Tür geliefert. Nach dem Umzug nach Wiesenburg war an Blumengarten natürlich noch nicht zu denken, da man unter anderem Hühner zu versorgen hatte. Also wurde Gemüse und Rüben angebaut. „Weggeworfen wurde nichts“, so Ursula Focke, „was übrig war, bekamen die Hühner.“ Sie erinnert sich, dass man sich das, was im Laden übrig geblieben war, für wenig Geld oder umsonst abholen durfte. So bekam das Federvieh oft kleingeschnittenes Brot und saure Milch.

Nach der Schulzeit in Reetz machte Ursula Focke eine Ausbildung auf dem Gebiet Pflanzenzüchtungen und arbeitete für die auch heute noch sehr bekannten Saatgutfirmen in Quedlinburg und Erfurt. 27 Jahre war sie an der Uni in Rostock. Sie studierte Pflanzenschutz – das dauerte immerhin 6 Jahre- und machte ihr Pflichtassistenzjahr in Greifswald. Täglich war sie mit dem Moped zu den verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben unterwegs. Bis im Bezirkspflanzenschutzamt eine Stelle als Schwangerenvertretung frei wurde. Dort hatte man gute Verbindungen zur Uni Güstrow. Als dort eine neue Bildungsstrecke Polytechnik – Landvariante eingeführt wurde, fragte man Ursula Focke, ob sie nicht Lust hätte, nach Güstrow zu kommen. Eine Unterkunft hätte man auch für sie. Schon das allein reichte ihr aus für die Zusage, denn jahrelang hatte sie auf einem Klappbett hinter ihrem Schreibtisch geschlafen.

1997 kam Ursula Focke zurück nach Wiesenburg. Sie nahm das Angebot an, mit 60 Jahren in Rente zu gehen. So konnte sie sich um Haus und Garten und die pflegebedürftige Tante kümmern. Als diese verstarb, änderte sich auch vieles Im Garten, denn die Tante war früher für das Gemüse zuständig. Inzwischen ist davon, bis auf einige Tomatenpflanzen, kaum noch etwas zu sehen. Dafür ein Gemisch aus den verschiedensten Zierpflanzen, die gerade jetzt ihre Farbenpracht voll entfalten.  Bei Ursula Focke wird auch nicht jedes Unkraut beseitigt. Vieles lässt sie stehen für die Insekten. Aber wenn sie etwas Schönes sieht, kauft sie auch immer noch Pflanzen dazu. Auf die Wasseruhr hat sie seit der letzten Ablesung aber noch nicht wieder geguckt. „Da wird wohl einiges draufgegangen sein“, meint sie.

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2 Antworten

  1. Ich freue mich sehr darüber, dass Frau Dr.Ursula Focke, die ich schon seit unserer gemeinsamen Studentenzeit an der Universität Rostock kenne, in Wiesenburg (Fläming) mit diesem Zeitungs – Artikel so schön gewürdigt wird. Ich habe mit ihr gemeinsam über Pflanzen des Salzgrünlandes von M.-V. publiziert.

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