Klein Marzehns: In Hauspuschen zum Gottesdienst

Klein Marzehns. Es ist besser, in der Gaststätte zu sitzen und an die Kirche zu denken, als in der Kirche zu sitzen und an die Gaststätte zu denken. So beschreibt Bernd Schonert die Situation zum Gottesdienst am vergangenen Sonntag. Der selbstständige Tischler engagiert sich als Kirchenältester im Ort – und das mit viel Humor. Auch was seinen Beruf betrifft. „Als Sohn eines Tischler hieß es früher: Mein Vater baut Wiegen, was reinkommt mach ich“, erklärt er schmunzelnd.

Das Besondere an diesem Gottesdienst nach der Fastnacht, der Eintritt ist nur in Hauslatschen erlaubt. Zur Erklärung muss man etwas weiter ausholen.

Mitte der 80er Jahre lebte im Ort der Brauch der Fastnacht wieder auf. Traditionell zogen die Platzmeister am Nachmittag durch den Ort, um die Leute einzuladen und Spenden für die Kapelle zu sammeln. In diesem Jahr hatten Beborah Ingendorf und Annika Clemens den Job inne, für das kommende Jahr haben sie ihn an Johanna Freiberger und Til Schäl abgegeben. „ Die Platzmeister haben ihre Arbeit hervorragend gemacht, dafür gebührt Dank“, so Matthias Steffen, der beim Fastnachten sozusagen den Hut auf hat.

Für die Platzmeister gelten bestimmte Regeln, erklärt Ronny Kucharski. Sie dürfen während der Veranstaltungen nicht sitzen, weder den Hut abnehmen noch das Jackett ausziehen. Beide dürfen nicht gleichzeitig den Saal verlassen und müssen jede Dame bzw. jeden Herrn im Saal mindestens einmal beschäftigen.

Der Nachmittag beginnt immer mit einem Kindertanz, der sehr gut angenommen wird. Abends sind dann die Erwachsenen zum fröhlichen Treiben dran. Und am kommenden Tag gibt es natürlich einen zünftiger Frühschoppen. Dabei fiel in den Anfangsjahren auf, dass viele wohl nach durchzechter Nacht am nächsten Tag ihre Schuhe nicht fanden und deshalb in Hauslatschen erschienen. Also legte man kurzerhand fest – Eintritt nur mit Hauspuschen! Seitdem ist es so Brauch.

Zum vierten Mal wird nun dieser Frühschoppen mit einem Gottesdienst gekoppelt. Man nutzte ihn sozusagen, um die Kirche vorzustellen. Bereits zum Gottesdienst an Heiligen Abend wird dazu eingeladen. Teile des Gottesdienstes wurden sogar schon live auf Facebook übertragen. Pfarrer Daniel Geißler hörte von dem außergewöhnlichen Frühschoppen und bot an, gleichzeitig einen Gottesdienst abzuhalten. Wer Pfarrer Geißler kennt weiß, dass auch dieser Gottesdienst außergewöhnlich sein würde. Auch wenn er sich diesmal durch Pfarrer Matthias Stephan vertreten ließ, da er im Urlaub war. Jedoch ist die gereimte Predigt seinem künstlerischen Hirn entsprungen.

Bewaffnet mit einem Blaster und vielen Zetteln betrat also Matthias Stephan die Gaststube. „Oh Happy Day“ erklang es zu Beginn aus der Musikbox und der Songtitel wurde Programm. Selbst das Gebet wird wohl auch Jesus mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen haben. Denn wann wird er schon gebeten:

„Herr, schenke mir eine gute Verdauung und auch etwas zu verdauen“.

Womit in diesem Fall sicherlich nicht nur feste Nahrung gemeint war. Aber die Predigt enthielt auch ernstere Teile, wenn auch auf besondere Art und Weise verpackt. Angelehnt an das Märchen vom kalten Herz, in dem Erwin Geschonnek den Holländer Michel spielte, der den Menschen ihr Herz nahm und einen Stein einsetzte, stellten die beiden Pfarrer fest, dass dieser derzeit massenhaft Steine in der Welt verteilt. Und auch im privaten Leben macht es sich mitunter bemerkbar, dass nicht mehr alles so ist wie zu Zeiten, als man noch frisch verliebt war. Das stellten auch Hilde und Heinz fest, extra für die Predigt erfundene Personen, als sie gemeinsam das Märchen ansahen. Da wurde schon mal über das „erkaltete“ Herz des anderen gemotzt –  bis zum plötzlichen Herzinfarkt von Heinz. Da stellte dann auch Hilde fest, das Herz schlägt immer noch so wie früher. Aber natürlich wurde Heinz wieder gesund, wie in jedem guten Märchen. „Genießt das Schöne, bewahrt das Lachen und vertraut auf Christus“, so das Fazit.

Das gemeinsame Singen zu der Musik aus der Konserve gelang dann mehr oder weniger gut. Was aber keinen störte und sogar Lachanfälle provozierte. Aber wohl gefühlt haben sich alle auf dem außergewöhnlichen Gottesdienst. „Es war einer der wärmsten Gottesdienste, die man als Pfarrer im Winter so hat“, stellte Matthias Stephan zum Abschluss fest. Eine geheizte Gaststube ist doch etwas anderes als eine eiskalte Kirche.

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