Bei Reetz: Das Mahlsdorfer Schloss

Reetz. Von einem Schloss ist in Mahlsdorf bei Reetz nicht mehr viel zu sehen. Das ehemals schöne Ensemble ist völlig verfallen, der Park verwildert. Von der ehemaligen Schönheit zeugt heute noch die alte Platanenallee. Aber wie kam es soweit?

Ernst Wilhelm Fähndrich schrieb 1883 in seinem Buch „Die Herrschaft Wiesenburg“ auch über das Mahlsdorfer Schloss.

In den alten Lehnbriefen von 1554 kommt dieser Ort als „wüste“ vor. Dagegen bezeichnet ihn das Wiesenburger Erbbuch von 1575 und 1592 als Vorwerk und Schäferei. 1627 wurde der Ort Wiesenburg zugeschlagen. Er war schon damals von wirtschaftlicher Bedeutung. Das erkennt man unter anderem am großen Viehbestand von 50 Rindern, 775 Schafen und 29 Schweinen.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts hat es höchstwahrscheinlich Wolf Dietrich Brandt von Lindau als Wohnsitz gedient, da seine ersten Kinder im Reetzer Kirchenbuch verzeichnet sind. Jedoch war die Existenz wohl eher bescheiden und hatte wenig mit einem Leben im Schloss zu tun. Aus Aufzeichnungen ist ersichtlich, dass 1651 das Wohnhaus aus nur einer Stube, zwei Kammern und einer Küche bestand. Der Besitz wechselte innerhalb der Brandts, aber keiner der Besitzer hat in Mahlsdorf gewohnt.

Im Laufe der Jahre wuchsen Vorwerk und Schäferei sozusagen zum Rittergut, da 1699 auch „von Gerichtsbarkeit, oberst und niederst“ gesprochen wird, die Heino Friedrich von Brandt an seinen Bruder Benno abtrat.  Zudem wurde Zoll in Mahlsdorf erhoben.

Nach Benno Friedrichs Tod bekam von seinen Söhnen Adam Friedrich, der spätere General, den Ort als seinen Anteil. Er schlug dort seinen Wohnsitz auf. Mahlsdorf wurde damals sehr wichtig als ein Ort, in dem mehrere wichtige Beschlüsse gefasst oder realisiert wurden. So wurde dort das Allodifikations-Projekt 1729 verabredet. Auch wurde dort der Kaufvertrag unterzeichnet, in dem Adam Friedrich seinem Bruder Benno Friedrich 1725 Wiesenburg abkaufte.

Nach dem Tod seines Sohnes verließ Adam Friedrich Mahlsdorf 1732, welches er zuvor jedoch sehr verschönert hatte. Da er das Haus hatte ohne Fundament bauen lassen, war es 1755 dem Einsturz nahe. Daher wurde der Bau eines neuen Wohnhauses notwendig. Dieses kennen viele ältere Bewohner noch.

Die letzten Herrschaften vor Ende des zweiten Weltkrieges war die Familie von Goldacker. Mir dieser kamen die Einwohner des Ortes recht gut zurecht. So ist überliefert, dass die Gräfin die erste Fahne für den damaligen Turnverein spendete.

Katja Niederkirchner
Katja Niederkirchner

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Schloss zu einem Kinderheim. Ab 1953 war es ein Spezialkinderheim. Den Namen „Katja Niederkirchner“ bekam es wohl 1956 und wurde vom Kreis Belzig als „Kinderheim für schwererziehbare bildungsfähige schwachsinnige Kinder“ geführt, später als Kinderheim für schwererziehbare Hilfsschüler. Bis zu 90 Kinder konnten dort untergebracht werden. Diese büxsten auch öfter aus, es wurden später entsprechende Fahndungsblätter gefunden.

Anfangs gingen die Kinder, es waren nur Jungen, noch in Mahlsdorf zur Schule. Als später die Wiesenburger Schule gebaut wurde und die Reetzer Kinder dorthin gingen, fand der Schulunterricht in der Reetzer Schule neben der Kirche statt. Das Gebäude ist bis heute erhalten und wird privat genutzt. Der Tagesablauf im Heim sah wie folgt aus:

7 Uhr Wecken

7:45 Uhr Frühstück

8-13 Uhr Schule (in Reetz)

13 Uhr Mittagessen

14:30-15:30 Schularbeiten

15:30 bis 18:00 Beschäftigungen (Sport, Spiele, Pioniernachmittag)

18-18:30 Waschen, Schuhe putzen

18:30 Abendessen, Abendappell

19-19:45 Beschäftigungen (Zeitungsschau, Fernsehen)

19:45-20:00 Vorbereitung zur Nachtruhe

20:00 Nachtruhe

Auch die Schüler der Reetzer Schule beschäftigten sich mit der Geschichte des Schlosses. Dazu gab es Schulprojekte. Hier einige Auszüge:

Von Gudrun Stephan

So mussten Reetzer Einwohner für eine Junkerhochzeit 1737 eine Fräulein- oder Junkersteuer zahlen: Der Schulze Betger musste abgeben: ¼ Zerbster Bier, 2 Hühner und 2 Scheffel Hafer. Der Hüfner Martin Schulze musste abgeben: ¼ Zerbster Bier, 2 Hühner und 2 Scheffel Hafer. Um 1575 hatten die Reetzer unter anderem an Friedrich von Brandt, wenn dieser mit seinen Dienern in Reetz zur Jagd war, sämtliche Unterhaltungskosten für Mensch, Pferde und Hunde zu tragen. Friedrich Brandt von Lindau, welcher 1578 starb, gab den hörigen Bauern Bauholz und Heideland. Sie mussten das Land urbar machen. Sie zahlten dafür an den Feudalherren Pacht, leisteten Hand- und Spanndienste. In einem alten Hausbuch aus dem 16. Jahrhundert finden wir folgende Verpflichtungen: Wenn der Junker oder seine Diener gegen Roitz (Reetz) auf die Jagd ziehen, so ist der Schultus schuldig, den ersten Tag Futter und Mahl, Essen und Trunk zu geben, den zweiten Tag der Krieger. Das Bier und das Pferdefutter müssen beide bezahlen oder ausrichten. Für die Hunde aber gibt Jacob Bramitz zwei Brod und zwei Brod Brose Wicke. Auch zu Diensten mancherlei Art waren die Einwohner verpflichtet. Sie mussten Botengänge besorgen bis zu zwei Meilen, bei der Jagd auftreiben und zu Hause Garn für die Junker spinnen.

Von Jutta S.

Der letzte Besitzer erhält das Forstgut als Patengeschenk in der Wiege von Rittmeister von Goldacker. Herr Müller, der Heimleiter des Kinderheims, erzählte uns, dass zwei Personen allein das Schloss bewohnten. Im Schloss befand sich eine Ahnengalerie, in welcher die Bilder der früheren Besitzer zu sehen waren. Der Garten, der Park und der Hof hatten eine Größe von fünf Hektar. Der Rittmeister ging oft zur Jagd und unternahm Reisen. In den sieben Häusern von Mahlsdorf lebten die Arbeiter, Kutscher usw. Er besaß auch eine Gärtnerei, dort befanden sich seltene Pflanzen.

Hier ein Beispiel, wie der Gutsbesitzer zu seinen Arbeitern stand. So wurde 193/1914 das Pumpenhaus errichtet und das Schloss erhielt eine Wasserleitung. Diese Wasserleitung ging an den Häusern seiner Arbeiter vorbei. Diese erhielten keinen Wasseranschluss. Sie müssen ihr Wasser weiterhin von der Pumpe holen. Erst unser Staat ermöglichte eine Wasserversorgung in jedem Haus. Durch unsere Eltern konnten wir erfahren, dass viele Reetzer Einwohner verschiedene Dienste im Schloss zu verrichten hatten. So zum Beispiel mussten viele Reetzer Einwohner das Erbbegräbnis pflegen.

Von Martina S.

Zum ersten Mal wird Reetz 1161 erwähnt. In der Wiesenburger Chronik wird das Dorf Reetz, welches früher Royitz oder Rätz geschrieben wurde, 1456 neben den Ortschaften Schlamau, Wiesenburg und Jeserig erwähnt. Zu dieser Zeit verkaufen die Gebrüder Kracht die Herrschaft Wiesenburg an das Geschlecht der Brandts. Friedrich der erste von Brandt, ein kursächsischer Rat, übernahm dieses Gebiet. Hinzu kamen die Ortschaften Medewitz, Reppinichen, Zixdorf, Steindorf und Elsholz im Mahlsdorfer Revier. Seit 1627 gehörte Reetz zu dem Wiesenburger Anteil der Brandtschen Besitzungen.

1718 starb Benno Brandt von Lindau aus der Wiesenburger Herrschaft. Es bleiben zwei Söhne als Erben, Adam Friedrich und Benno Friedrich (dieser starb bald). Adam Friedrich war alleiniger Besitzer der Güter. Dieser trat sehr früh der Armee bei. Er nahm am Türkenkrieg, Nordischen Krieg und Spanischen Erfolgskrieg teil. 1741 trat er als Generalmajor aus der Armee aus und wohnte später in Mahlsdorf. Er ließ das Schloss errichten um 1760. Nach Angaben aus der Schulchronik liegt sein jüngster Sohn in der Reetzer Kirche begraben.

1754 starb er und hinterließ zwei Töchter. Die älteste Tochter hatte sich 1737 mit dem königlich polnischen und kurfürstlichen sächsischen Kammerherrn Christoph Levin von Preyden vermählt und verwaltete Mahlsdorf bis 1765.

1765 übernahm Freiherr Ernst Adam Christoph Levin von Preyden, der älteste Sohn, die Herrschaft über die Ortschaften Mahlsdorf, Reetz, Reppinichen, Alte Hölle und einen Teil von Neuehütten.

Sein Sohn, Gustav Adolf Ferdinand von Preyden erbte diese Besitzungen. Er war königlicher sächsischer Kammerherr und Jagdjunker. Er lebte meiste in Dresden, während seine Güter von Inspektoren verwaltet wurden. Er starb 1818.

Von Harry L.

Bis 1945 mussten landarme Bauern und Tagelöhner auf den Feldern und in den Wäldern für die Großgrundbesitzer für wenig Geld arbeiten. Sie wurden ausgebeutet, während die Großgrundbesitzer ein sorgenfreies Leben führten. Dies trifft auch für die Mahlsdorfer Herrschaft zu.

Nach 1945 wurden diese Ausbeuter enteignet. So bekamen durch die Bodenreform die Bauern Land und Wald. Dies war zum Beispiel in Wiesenburg so gewesen. Das Wiesenburger Schloss wurde in eine Schule umgewandelt. Jetzt bewirtschaften die Bauern selbst das Land. Einige Güter bleiben bestehen und wurden VE-Güter, so zum Beispiel Schmerwitz.

Das Mahlsdorfer Schloss wurde bereits 1946 in ein Kinderheim verwandelt. Da Mahlsdorf ein sogenanntes Forstgut war, erhielten die Bauern aus Reetz den Wald. Endlich waren die Großgrundbesitzer enteignet worden und das Volk gehört das Land, der Wald und die Schlösser.

Nach der Wende 1989 wechselte das Schloss, dass durch die vorgenommenen Umbauten eigentlich keines mehr war, mehrfach den Besitzer. Aber keiner investierte wirklich. So verfällt das Gebäude immer mehr, der einst schöne Park verwildert und nur die Platanen zeugen heute noch von der ehemaligen Schönheit.

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