Das Wander-Fool-Theater präsentierte: “Die Wüstung – eine szenische Annährung an Frau und Mann”

Groß Glien. “Das ist mein Acker, mein Feld. Es ist nicht groß, aber es ist das Land meiner Vorväter”, hallt es über ein abgeerntetes Getreidefeld an der Wüstung Groß Glien. Ein Bauer, mit einem Stecken in der Hand, sucht den kargen und von der Sonne ausgetrockneten Boden aufzureißen. Die Szenerie bedeutet einen Zeitensprung und lädt die am Feldrand stehende Gruppe Menschen zu einer Zeitreise mit geschichtlichem Hintergrund ein.

Das ehemals dort existierende Dorf Groß Glien war bereits 1419/20 wüst. Zwischen 1554 und 1574 wurde eine Schäferei, danach ein Vorwerk errichtet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ Heinrich Friedrich Levin von Tschirschky, der Groß und Klein Glien 1818 übernommen hatte, auf dem Vorwerk Groß Glien Ställe und Scheunen neu erbauen und Reparaturen an Wohnhäusern seiner Tagelöhner ausführen. Die kleinen Katen waren an Drescher und Hofarbeiter vermietet. Eine Zukunft hatte die Siedlung dennoch nicht. 1902 standen dort nur zwei Wohnhäuser in denen 18 Menschen lebten und eine große Scheune. 1931 wurde das Vorwerk abgerissen und 1947 die letzte Scheune. Soweit die Geschichte, die für die Akteure des Projekts „Wander-Fool-Theaterwagen“ Grundlage für eine Theaterstück war. Am Wochenende wurde es dreimal aufgeführt.

“Ich bin seine Frau”, so eine Stimme, die sich einige Meter vom Feld des Bauern entfernt, aus einem Steinhaufen erhebt. Eine Bäuerin tritt mit diesen Worten in das Theaterstück ein. Das am Feldrand stehende Publikum hört von der bitteren Armut, in der die Familie lebt. “Die Erde hat sich verändert. Sie ist karg und trocken geworden …” und “Jedes Jahr ein Kind, das letzte ist gestorben” – vor Hunger. Bittere Not und Verzweiflung treiben Bäuerin und Bauer, gespielt von Julia Strehler und Sebastian David, an den Rand der Verzweiflung. Das Stück erzählt von ihrer aus dem Elend heraus zerbrechenden Liebe, vom schweren Weg Annährung, und der daraus entstehenden Kraft. Es ist die Geschichte einer Suche nach einem heilsamen Sein “zu uns selbst, zur Erde und zwischen Frau und Mann, repräsentiert durch die Liebesgeschichte zwischen Bauer und Bäuerin”.

Das Bühnenbild wechselt zwischen Steinhaufen, Feldrain und sandigem Ackerboden – aus der Not geboren. Denn eigentlich wollten die Darsteller mit ihrem „Wander-Fool-Theaterwagen“ dort stoppen.

Weil die Arbeiten am Theaterwagen, einer Mischung aus Tiny House und fahrender Theaterbühne, noch nicht komplett beendet sind, fand die Aufführung auf dem Acker statt.

“Groß Glien erschien uns als archaischer Ort. Auf diesem Stück Land liegt ein heiliger Glanz, und gleichzeitig ist der Ort eine Wüstung. Ein Ort den die Mernschen verlassen haben”, so die Akteure über die Wahl des Theaterortes.

Mit ihrem Theaterwagen wollen sie künftig an jeweils unterschiedlichen Orten in der Region stoppen, um dort Themen und Geschichten aufzuspüren, die sie in eine Theaterstück verpacken. In diesem Rahmen wurde nach der Premiere des Wander-Fool-Theaterprojekts auf der Laderampe im Drahtwerk Wiesenburg die Wüstung Groß Glien zur Bühne für ein unfassbar berührendes Theaterstück.

Projektinitiator des Wander-Fool-Theaters ist Sebastian David. Zusammen mit Julia Strehler (Regie), Marie Golücke (Produktionsleitung), Noam Goldstein und Raphael Behr als Bauleitung wird seit Februar 2021 an der Verwirklichung des Theaterwagens gearbeitet.

Das Projekt wurde vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von #TAKEPART gefördert.

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