KleinKunstWerk Bad Belzig: “Weiblicher Tsunami” gewinnt Frauen-Bachstelze 2022

Bad Belzig. Es ist die zehnte Spielzeit im Bad Belziger KleinKunstWerk. Erst, wundern sich viele, war das KleinKunstWerk nicht schon immer da? Ziemlich zu Beginn hatte Intendantin Dr. Gerlinde Kempendorff-Hoene die Idee zu einem „komischen Festival“ im Fläming. Und so fand am letzten Wochenende bereits das 8. Komische Festival Belziger Bachstelze statt.

Wer beim Frauenabend am Freitag dabei war, der kann gleich mehrere Überraschungen erleben, in den Pointen, aber auch darüber hinaus. Gleich die erste ist, dass eine der eingeladenen Frauen, Rita Apel aus der Bremer Slam-Szene, aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen konnte. Die nächste Überraschung ist Luise Fuhr, die nicht nur kurzfristig eingesprang, sondern als brillante Bauchrednerin auch eine hervorragende Ergänzung zum sonstigen Programm darstellt.

Es wetteifern also vier Frauen um die begehrte Bachstelze. „Am Frauenabend kann man übrigens beide Figuren bewundern, die wie in den vorhergegangenen Jahren von Brigitte Hessler individuell gestalten wurden, am Männerabend am Sonnabend ist dann schon eine Bachstelze weg“, bewirbt Kempendorff einen unbestreitbaren Vorteil des Frauentages.

Als erstes steigt die Hamburgerin Alicja Heldt in den Ring, die – Überraschung! – als Saarbrückerin angekündigt wird. Heldt arbeitet sich an ihrem (nicht in Erscheinung tretenden) Lebenspartner ab. Zur Begeisterung des Publikums manchmal knapp an der Gürtellinie entlang, wenn sie sich z.B. einen Heiratsantrag von besagtem Michael wünscht. Er nackt. Fallschirmspringend. Detailreich erträumt. Zu einem Höhepunkt läuft sie auf, als sie Mann im Schnelldurchlauf eine typische Frauenwohnung erklärt. Und: Sie ist keine böse Frau, Michael ist uneinsichtig.

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Alicja Heldt

Etwas wie den zweiten Akt an diesem Abend hat das KleinKunstWerk noch nicht erlebt, noch nicht einmal, als es noch Elektrizitätswerk war. „Weiblicher Tsunami“ wird Kempendorf selbst leicht außer Atem hinterher benennen, was zuvor auf der Bühne zu erleben war. Katharina Hoffmann fegt in schicker Garderobe derart rasant, pointiert und wütend über die Bühne, dass man Mühe hatte, hinterherzugucken. Sie fabuliert über Aperol Spritz, über traurige Frauen (es gibt nichts schöneres, warum wird hier nicht verraten) und über die Bedeutung von Teppichklopfen für die weibliche Psyche. Absolute Spitze, wie sie schließlich zwei Amazon-Kartons zerlegt und selbst am Boden liegend das Kurzprogramm beendet. Das ist nicht weniger als die theatralische Zerstörung des Weltkonzerns. Mehr Körpereinsatz geht nicht, wenn die Bühne ganz bleiben soll. Ein Mikrofon braucht die Dame nicht. Sie hätte sich darin auch hoffnungslos verheddert. Und sie berlinert:

„Darin bin ich schneller.“

Ersatzspielerin Luise Fuhr ist wie die anderen vier Künstlerinnen eine wahre Überraschung. Sie soll erst seit zweieinhalb Jahren als Bauchrednerin arbeiten? Schwer zu glauben. Sie beherrscht das Fach so gekonnt, dass kaum ein Mann mitkommen dürfe. Frauen gibt es unter den Bauchrednerinnen kaum, wenn überhaupt. Fuhr kann sogar beim Trinken oder beim Putzen der Zähne bauchreden oder mit ihrer sprechenden Puppe die Stimme tauschen. Bisher trat Fuhr vor allem vor Kindern auf. Auch an diesem Abend arbeitet sie bei einem Akt mit dem jungen David aus dem Publikum.

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Luise Fuhr

Publikum auf die Bühne holt auch Mademoiselle Mirabelle, allerdings zwei erwachsene Männer. Zu Beginn erinnert sie an Louis de Funès:

„Wenn kleine Männer wütend werden, dann werden sie größer.“

Eine Anspielung auf einen kleinen Mann der Gegenwart? Es bleibt offen. Ihr kleiner Französisch-Kurs kommt mit dem vollem Charme unserer westlichen Nachbarn von der Bühne. Mit Wortspielen, Musik und in französisch gebrochenem Deutsch spießt sie liebevoll garniert deutsche Spießigkeiten auf. Sie ist eine Französin wie aus dem Bilderbuch. Bevor sie ein Wort sagt, kann man sie geografisch zuordnen. Das Klischee hilft bei mancher Wahrheit wie dieser:

„Wer kein Ziel hat, der kann sich nicht verlaufen.“

Das hat sie sich gerade auf der Bühne ausgedacht. Behauptet sie. 😉

Die Siegerin heißt …

Am Ende bekommen alle vier Frauen fast gleichviel Beifall. Die Länge des Beifalls bestimmt über Sieg und über zweiten, dritten und vierten Sieg. „Katharina Hoffmann liegt knapp vor den anderen“, befand der Justiziar an der Stoppuhr über die Siegerin der Bachstelze 2022. Hoffmann bekommt nicht nur die begehrte Figur überreicht, sondern wird auch für das kommende Jahr zu einem eigenständigen Abend eingeladen. Aber, bekannte Kempendorff, auch bei den anderen Frauen gibt es gute Chancen, dass man sie wieder in Bad Belzig sehen wird.

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Gruppenbild

Männerabend

Der Männerabend ist schon wegen des (Un-)Wetters eine Herausforderung. Die Besucher müssen über eine Brücke aus Bänken den See an der Einfahrt überqueren. Voll wird der Saal trotzdem.

Bei den Männern treten die Salonlöwen Sebastian Coors und Norbert Lauter, Jochen Falck, Yves Macak sowie Gernot Frischling und Reimund Groß als Havelfrischlinge an. Es gewinnt der R-zieher Yves Macak, dicht gefolgt von Jochen Falck.

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Männerabend (c) Rolf Siekmann

Fazit

„Wer nicht da war, der hat etwas verpasst“, befand sichtlich stolz Kempendorff, als die Bachstelze 2022 Geschichte war. Zurecht.

(Artikelfoto: Katharina Hoffmann)

 

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