Bad Belzig, Stimmen der Ukraine

Bad Belzig: Stimmen der Ukraine in der Stadtkirche St. Marien

Bad Belzig. Der Verein Kultur im Mühlenhölzchen (KiM) e.V. und die evangelische Kirchengemeinde Bad Belzig luden an diesem Wochende zu einer besonderen Veranstaltung in die Stadtkirche St. Marien ein, zu einer musikalischen Reise durch die Literatur der Ukraine. Mitorganisatorin Gerlinde Kempendorff war froh, die Kirche als Veranstaltungsort gewählt zu haben, denn „das KleinKunstWerk wird zu klein“, war sie sich von Anfang an sicher. Die deutlich über 70 Besucher in der Kirche gaben ihr recht.

Pfarrerin Christiane Moldenhauer verwies in ihrer kurzen Begrüßung auf das besondere Datum, an dem die Veranstaltung stattfand, auf den 9. November. Sie verwies auch darauf, wie schnell die Ukraine aus dem Blick geraten kann. Auch Kempendorff verband die Erinnerung an die Ereignisse vor 35 Jahren mit der Ukraine:

„Wenn etwas friedlich gelöst werden kann, dann haben alle etwas davon!“

Nach den beiden kurzen Ansprachen nahmen die sechs ukrainischen Künstler das Publikum mit auf ihre Reise voller Musik und Poesie durch die ukrainische Kultur des 19. und des 21. Jahrhunderts mit. Sie begann mit der wundervollen ukrainischen Nacht, die Nikolai Gogol so wunderbar beschrieben hat, vorgetragen von dem Berliner Schauspieler Jan Uplegger.

„Oh, ihr kennt die ukrainische Nacht nicht! Betrachtet sie nur recht genau: mitten vom Himmel blickt der Mond herab; das unermeßliche Himmelsgewölbe dehnt sich und wird noch unermeßlicher; es glüht und atmet; die ganze Erde ruht in silbernem Lichte; die wunderbare Luft ist kühl und schwül zugleich, von Wollust erfüllt, von einem Ozean von Wohlgerüchen durchströmt. Göttliche Nacht! Unbeweglich und begeistert stehen die Wälder, von Dunkel erfüllt, ungeheure Schatten vor sich werfend. Still und regungslos ruhen die Teiche; ihre kalten dunklen Gewässer sind von düstern, dunkelgrünen Mauern der Gärten eingefaßt. Das jungfräuliche Dickicht der Faulbeer- und Kirschbäume hat die Wurzeln scheu in die Kühle der Quellen versenkt und raschelt ab und zu gleichsam zürnend mit den Blättern, wenn der herrliche Nachtwind, schnell heranschleichend, sie küßt. Die ganze Landschaft schläft. Doch oben atmet alles, alles ist wunderbar, alles feierlich. Die Menschenseele aber dehnt sich ins Unermeßliche, und Scharen silberner Visionen erstehen schlank in ihrer Tiefe. Göttliche Nacht! Bezaubernde Nacht! Und plötzlich ist alles lebendig geworden: die Wälder, die Teiche, die Steppen. Man hört das majestätische Schmettern der ukrainischen Nachtigall, und selbst der Mond in der Mitte des Himmels scheint ihr zu lauschen.“

Jetzt gibt es sie nicht mehr, diese wunderbare ukrainische Nacht. Es gibt jetzt eine andere ukrainische Nacht, voller Drohnen und Bomben, mit Schmerzen und Blut, ohne Wärme und ohne Strom. Ganz nebenbei erfuhr der Zuhörer in der Bad Belziger Kirche, dass dieser russische Nikolai Wassiljewitsch Gogol aus der Schulzeit bestenfalls ein ukrainisch-russischer und eigentlich ein ukrainischer Schriftsteller ist: Nikola Wassilowitsch Gogol.

Zwischen den einzelnen Texten, die neben Uplegger auch seine Kollegin Mareile Metzner vortrug, sangen und musizierten die geflüchteten Sängerinnen Iryna Lazer, Iryna Razin-Kravchenko und Nataliia Kuprynenko sowie der Jazzgitarrist Daniil Zverkhanovskyi. Es sind sphärisch-anmutige Gesänge, die auch ohne die Sprache zu verstehen ins Herz hinein gehen. „So wie die Ukraine klingt, so kann sie nur im Frieden klingen“, beschrieb es Gerlinde Kempendorff. Für Texte und Lieder gibt es immer wieder Zwischenapplaus des aufgeschlossenen und neugierigen Publikums.

In den vorgetragenen Texten ging es immer wieder um tragische Momente der ukrainischen Geschichte. Um den großen Hunger zum Beispiel, der Holodomor (ukrainisch: Tötung durch Hunger), über den alle wussten, über den aber keiner sprach. Erste die dritte Generation danach erfuhr, was tatsächlich passiert war. Selbst in den leichtesten Geschichten klang das Leid, die Suche nach Selbstbestimmung, aber auch der Stolz des ukrainischen Volkes durch. Die alten Geschichten wollen nicht loslassen. Es geht in den Geschichten aus späterer Zeit auch um einen besonderen Menschentyp, den „homo sovieticus“, der DDR-Bürgern nicht gänzlich unbekannt ist.

Zu Bedauern ist an diesem Abend nur, dass die gelesenen Texte in den hinteren Reihen nur unvollständig ankommen, im Gegensatz zum Gesang. Das und die Kälte lassen einige wenige vorzeitig gehen.

Diejenigen, die durchgehalten haben, dankten den Künstlern mit stehendem Applaus. Sie wurden mit einem schwungvollen Abschlusslied belohnt. Der Abend bot ein kleines Schaufenster in die eigenständige ukrainische Kultur und machte neugierig auf mehr.

Zum Abschluss bat Manuel Hassel vom Verein libereco um Spenden statt des ansonsten üblichen Eintritts. So wie Künstler und Besucher an diesem Bad Belziger Abend froren, so geht es den Ukrainern Nacht für Nacht. Libereco arbeitet mit ukrainischen und belarussischen Partnerorganisationen zusammen und bringt nicht nur im übertragenen Sinne Wärme in deren Unterkünften. Libereco kümmert sich auch um die psychsolziale Unterstützung der Notleidenden.

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