Wiesenburg. Alte Bahnhofsgebäude haben etwas Faszinierendes. Da nach der Wende viele Bahnstrecken stillgelegt wurden, waren auch die Bahnhöfe oft dem Verfall preisgegeben.

Dass es in Wiesenburg nicht so weit gekommen ist, ist der Initiative von fünf engagierten Menschen zu verdanken. Sie gründeten vor 15 Jahren eine Genossenschaft, um den Bahnhof zu erhalten und vor allem zu entwickeln. Und das wurde am vergangenen Samstag gebührend gefeiert. Vier der Gründungsgenossen waren auf dem Fest anwesend. Einer, nämlich Bernhard Queling, ist leider schon verstorben.
So erzählten die verbliebenen vier, was sie dazu bewogen hat, den Bahnhof erhalten zu wollen. Für alle ist der Bahnhof sozusagen das Eingangstor zum Fläming. Beruflich und privat kamen Anke Mrosla, Dorothee Bornath und Lothar Hames oft nach Wiesenburg und waren immer wieder traurig über den Zustand des Gebäudes. Joachim Buchholz hat zu dem Gebäude eine besondere Beziehung, er ist dort aufgewachsen. Mit Bernhard Queling fand er einen aktiven Mitstreiter. Alle hatten eines gemeinsam, sie wollten das Gebäude wieder in Nutzung bringen – nicht zuletzt wegen seiner außergewöhnlichen Geschichte.
Vor etwa 150 Jahren wurde die sogenannte „Kanonenbahn“ von Berlin nach Güsten gebaut. Später kam die Strecke nach Dessau dazu. Dadurch siedelte sich auch viel Industrie und Handwerk am Bahnhof an. Es gab eine Molkerei, die Baumschule, das Sägewerk, nach 1945 die BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft), einen Kohlehandel und den Forstbetrieb. Alle konnten die Gleisanbindung für Transporte nutzen. Nach der Wende wurde der Güterverkehr eingestellt. Der Personenverkehr blieb, zur Zeit halten die Züge sogar im Stundentakt.

Aber das Gebäude blieb ungenutzt. Erste Zeichen des Verfalls machten sich bemerkbar. Das wollten die Gründer der Genossenschaft nicht hinnehmen und machten sich auf die Suche nach Gleichgesinnten. Derzeit hat die Genossenschaft 54 Mitglieder. Aber wie sollte so ein großes Vorhaben gelingen? Der Zufall kam zur Hilfe.
Ein Team des RBB war zu Dreharbeiten in Wiesenburg. Man traf sich zufällig am Bahnhof und unterhielt sich. Damals hatte der RBB gerade die Aktion „96 Stunden“ im Programm. Dadurch konnten die ersten grundlegenden Arbeiten geschafft werden. Mit der Aktion wurden Helfer und Engagierte aufgerufen, sich einzubringen. Unterstützung kam von Betrieben und Handwerkern der Region und von vielen Freiwilligen. Es kamen etwa 50.000 Euro Spenden an Geld, Material und vor allem Eigenleistungen zusammen.
Nach und nach entwickelte sich der Bahnhof. Bereits vor der Gründung der Genossenschaft hatte die Gemeinde das Umfeld des Bahnhofs gestalten lassen. Und endlich zog wieder Leben ein. Es entstand ein Café, welches von ehrenamtlichen Helfern betrieben wurde. Leider fehlen diese im Moment für einen dauerhaften Betrieb, aber die Räumlichkeiten können gemietet werden. Die Toiletten wurden barrierefrei gebaut, auch der alte Güterschuppen bekam ein neues Gewand. Viele Veranstaltungen fanden dort statt, angefangen von Tango-Kursen bis hin zu Lesungen und Filmvorführungen. Ein Gelände für Country Golf lädt zur sportlichen Betätigung ein.

Alle Arbeiten wurden ohne Bankkredite, sondern nur mit Hilfe von privaten Darlehen und viel Eigenleistung durchgeführt. Neu eröffnet wurde 2012, und inzwischen gab es eine Vielzahl an Veranstaltungen.
Auch verschiedene Preise erhielt die Genossenschaft, aber nur einer, nämlich der Nachhaltigkeitspreis des Landes, brachte auch Geld. Die 10.000 Euro wurden buchstäblich komplett ins Klo gesteckt, denn davon wurde die barrierefreie Toilette gebaut, eine Voraussetzung für den Betrieb des Cafés. Inzwischen sind auch die Wohnungen im 1. und 2. Stock saniert und seit 2018 wieder durchgängig bewohnt. Und gegenüber entsteht das neue KoDorf. Die Weichen für die Weiterentwicklung sind also richtig gestellt.
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