Treuenbrietzen. Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch aus Treuenbrietzen spricht im Interview mit Jonathan Summer über moderne Kirchenarbeit und ihr Projekt der Jugendscheune. Die 44-jährige kam im Juli 2025 nach Treuenbrietzen. Sie lebt in einer Patchworkfamilie mit fünf Kindern und einem Hund. Ihr Lebensmotto „Einfach machen“ spiegelt sich in ihrer Arbeit als Pfarrerin wieder, egal ob im Gottesdienst oder beim Projekt „Jugendscheune für Treuenbrietzen“.
Jonathan Summer: Frau Lippmann-Marsch, Sie fallen durch kreative Gottesdienste sowie moderne Kirchen- und Missionsarbeit auf und machen Religion damit wieder attraktiver. Hat Ihre Vorgängergeneration von Pfarrern den Anschluss an das 21. Jahrhundert versäumt?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ich glaube, wir haben manchmal den Fehler gemacht zu denken, dass Menschen Kirche brauchen. Die Wahrheit ist: Menschen brauchen Hoffnung, Gemeinschaft, Sinn, Vergebung, Liebe. Die Frage ist nur, ob sie dafür noch zu uns kommen.
Ich glaube nicht, dass meine Vorgänger den Anschluss ans 21. Jahrhundert versäumt haben. Sie haben unter ganz anderen Bedingungen Kirche gestaltet. Aber wir leben heute in einer Zeit, in der niemand mehr sonntagmorgens automatisch in die Kirche geht, nur weil man das eben so macht. Das ist vorbei. Und darüber können wir jammern oder wir können uns bewegen.
Ich habe mich für Letzteres entschieden. Deshalb gibt es bei uns Pop-up-Trauungen mitten auf dem Stadtfest, Taufen in der Nieplitz, Motorradgottesdienste, Kneipengottesdienste oder einen Techno-Gottesdienst. Nicht, weil Kirche verzweifelt modern wirken muss, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Botschaft von Jesus nicht hinter Kirchenmauern eingesperrt werden darf.
Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir als Kirche viel zu lange darauf gewartet haben, dass die Menschen zu uns kommen. Jesus hat fast nie gewartet. Er ist zu den Menschen gegangen. Genau das sollten wir auch tun.
Jonathan Summer: Man kennt Sie auch durch akzentuierte Reden und eine klare Haltung gegen Rechts. Kann Kirche sich eine politische Meinung heutzutage leisten?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Kirche hat gar nicht den Luxus, unpolitisch zu sein. Jesus war es auch nicht. Er hat sich mit den Mächtigen angelegt, Menschen aus ihrer Ausgrenzung geholt und denen widersprochen, die andere klein gemacht haben. Wer die Bibel liest und daraus ableitet, Kirche müsse zu all dem schweigen, liest eine andere Bibel als ich.
Ich mache keine Parteipolitik. Das interessiert mich ehrlich gesagt auch überhaupt nicht. Aber wenn Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Identität abgewertet werden, dann werde ich nicht neutral. Neutralität ist in solchen Momenten keine Tugend, sondern Bequemlichkeit.
Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen unterschiedlich wählen oder unterschiedliche politische Überzeugungen haben. Demokratie lebt davon. Aber Rechtsextremismus ist für mich keine Meinung, sondern ein Angriff auf das, wofür das Christentum seit über zweitausend Jahren steht: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Punkt.
Jonathan Summer: Sie machen ihre kirchliche und ehrenamtliche Arbeit über soziale Medien öffentlich. Kürzlich haben Sie sich auch einmal ungeschminkt gezeigt. Wie kommt Ihre Öffentlichkeitsarbeit bei den Gemeindemitgliedern an?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ich bin morgens keine Disney-Prinzessin. Also tue ich auch nicht so.
Ich finde diese Hochglanzwelt wahnsinnig anstrengend. Überall Filter, perfekte Gesichter und das Gefühl, immer irgendetwas darstellen zu müssen. Darauf habe ich keine Lust. Wer mir auf Instagram folgt, bekommt Simone. Mal gestylt, mal mit Augenringen, mal lachend, mal heulend. So ist Leben.
Und ich glaube, genau das wünschen sich Menschen inzwischen auch von Kirche. Keine Fassade, sondern reale Menschen.
Natürlich finden das nicht alle gut. Das müssen sie auch nicht. Aber wenn Menschen sich mehr daran stören, dass eine Pfarrerin ungeschminkt ist, als daran, dass Jugendliche keinen Ort haben oder Menschen ausgegrenzt werden, dann verrutscht aus meiner Sicht gerade etwas.
Jonathan Summer: Motoradgottesdienst, Push-up-Trauung oder Techno-Musik in der Kirche. Welche sind Ihre erfolgreichsten Angebote an die Stadtgesellschaft von Treuenbrietzen?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ich messe Erfolg nicht an Besuchendenzahlen. Ich messe ihn an den Menschen, die sagen: „Eigentlich hätte ich nie gedacht, dass ich mal wieder eine Kirche betrete.“ Oder: „Ich dachte immer, Kirche ist nichts für mich.“
Natürlich waren der Motorradgottesdienst, die Pop-up-Trauungen mitten auf dem Sabinchenfest oder der Techno-Gottesdienst echte Publikumsmagnete. Aber darum geht es mir gar nicht. Ich könnte die Kirche auch mit Freibier voll bekommen.
Mich interessiert etwas anderes. Ob Menschen merken, dass Kirche mehr ist als ein Gebäude mit festen Öffnungszeiten. Dass Gott nicht erst hinter der Kirchentür anfängt.
Wenn ein Biker plötzlich mit Tränen in den Augen vor mir steht. Wenn sich ein Paar spontan trauen lässt, obwohl es mit Kirche eigentlich abgeschlossen hatte. Oder wenn nach einem Techno-Gottesdienst jemand sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich hier mal zu Hause fühle.“ Dann weiß ich, warum wir das machen.
Ich glaube, Kirche muss endlich aufhören, Menschen zu fragen: „Warum kommt ihr nicht zu uns?“ Viel spannender ist doch die Frage: „Warum sind wir nicht längst da, wo die Menschen sind?“

Jonathan Summer: Sie sind maßgebliche Treiberin der Idee, die Scheune hinter dem Kirchenbüro in der Großstraße in Treuenbrietzen auszubauen und für Jugendliche nutzbar zu machen. Was ist Ihre Vision dabei ,und wie nehmen Sie die aktuelle Jugendarbeit der Stadt wahr?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Meine Vision ist eigentlich ganz einfach: Ich möchte, dass Jugendliche in Treuenbrietzen irgendwann ganz selbstverständlich sagen: „Ich geh noch kurz rüber in die Scheune.“ So, wie andere sagen: „Ich geh zum Sport“ oder „Ich treff mich mit Freunden.“ Ich wünsche mir einen Ort, an dem niemand etwas kaufen muss, um bleiben zu dürfen. Einen Ort mit Sofas, Musik, Werkzeug, WLAN, Ideen und Menschen, die Zeit haben. Einen Ort, an dem man einfach sein darf. Und wenn dabei ganz nebenbei ein Fahrrad repariert, ein Podcast aufgenommen oder für Mathe gelernt wird, dann ist das doch großartig.
Ich finde, in Treuenbrietzen passiert in der Jugendarbeit schon einiges, und ich habe großen Respekt vor den Menschen, die sich dafür engagieren. Aber ich glaube auch, dass wir uns ehrlich machen müssen. Es reicht noch nicht. Wenn wir wollen, dass junge Menschen hier bleiben, dann müssen wir ihnen auch etwas zutrauen und etwas bieten.
Die Scheune soll deshalb kein kirchlicher Jugendclub werden. Sie soll ein Ort für Treuenbrietzen werden. Für Jugendliche, die Kirche toll finden. Für Jugendliche, die Kirche völlig egal finden. Für Jugendliche, die gerade niemanden haben, der ihnen zuhört. Und für die, die einfach nur einen Platz suchen, an dem sie willkommen sind.
Wenn wir heute nicht in junge Menschen investieren, brauchen wir uns morgen nicht wundern, wenn sie ihre Zukunft woanders suchen. Ich glaube, das Teuerste an dieser Scheune wäre nicht ihr Umbau. Das Teuerste wäre, sie leer stehen zu lassen.
Jonathan Summer: Wie hat die Einbeziehung der Jugendlichen stattgefunden?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Wir haben die Jugendlichen nicht eingeladen, damit wir am Ende sagen können: „Danke für eure Ideen.“ Wir haben sie eingeladen, weil es ihr Ort werden soll. Also haben wir sie gefragt: Was braucht ihr eigentlich? Und dann haben wir zugehört.
Die Antworten waren erstaunlich bodenständig. Niemand wollte eine Playstation für 5.000 Euro. Sie wollten Sofas. Musik. WLAN. Einen Platz zum Schrauben. Einen Ort, an dem sie einfach sein können, ohne ständig weggeschickt zu werden.
Und dann haben wir gemerkt: Bis die Verwaltung und der Bau ihren Teil erledigt hat, vergehen Monate. Vielleicht Jahre. Aber Jugendliche können ihre Jugend nicht auf Pause drücken. Deshalb warten wir nicht. Von den ersten Spenden bauen wir jetzt als Übergangslösung eine Terrasse mit Theke und Outdoorküche und renovieren die Sakristei der Kirche. Die Jugendlichen sollen jetzt einen Ort haben und nicht erst irgendwann, wenn alle Aktenordner geschlossen sind.
Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Wir planen nicht für Jugendliche. Wir bauen mit ihnen. Und wenn sie später sagen: „Das da? Das haben wir selbst gemacht.“ , dann ist das viel mehr wert als jedes professionelle Konzept.
Jonathan Summer: Wie soll der Ausbau finanziert werden?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ehrlich gesagt weiß ich heute noch nicht, wo am Ende jeder Euro herkommen wird. Und das ist manchmal ganz schön beängstigend. Aber ich weiß, warum wir das machen. Und das ist größer als die Angst.
Natürlich hoffen wir auf Fördermittel. Dafür kämpfen wir gerade. Aber selbst wenn wir die bekommen, bleibt ein hoher Eigenanteil. Also sitzen wir nicht da und warten, sondern wir klopfen an Türen. Wir schreiben Unternehmen an, sprechen Stiftungen an, haben ein Crowdfunding gestartet und erzählen überall von dieser Scheune.
Und wissen Sie, was ich dabei gerade erlebe? Dass Menschen etwas bewegen wollen. Da überweist jemand zehn Euro und schreibt: „Mehr geht gerade nicht.“ Ein anderer spendet hundert oder fünfhundert Euro. Unternehmen melden sich. Menschen teilen unseren Aufruf. Da entsteht gerade etwas, das viel größer ist als eine Spendensumme.
Ich wünsche mir, dass irgendwann niemand mehr sagt: „Das ist die Scheune der Kirche.“ Ich wünsche mir, dass die Leute sagen: „Das ist unsere Scheune. Die haben wir zusammen möglich gemacht.“ Denn genau so stelle ich mir Gemeinschaft vor. Nicht darauf zu warten, dass irgendjemand etwas für uns tut, sondern selbst anzufangen.
Jonathan Summer: Wie sehen die Scheune und der Kirchhof in fünf Jahren aus? Wie können sich unsere Leser die ausgebaute Scheune vorstellen?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ich hoffe, dass man in fünf Jahren durch den Gemeindegarten läuft und gar nicht mehr weiß, wo man zuerst hingucken soll. Da sitzt eine Gruppe auf der Terrasse und diskutiert darüber, wer den schlechtesten Musikgeschmack hat. Zwei schrauben seit einer halben Stunde an demselben Moped und behaupten immer noch, sie hätten Ahnung davon. Aus der Outdoorküche riecht es nach frisch gebratenen Burgern während drinnen jemand konzentriert an einem Podcast schneidet, versucht nebenan eine Schülerin verzweifelt, endlich Mathe zu verstehen.
Ich wünsche mir, dass dieser Ort voller Geschichten ist. Dass Jugendliche irgendwann sagen: „Weißt du noch, damals an der Scheune …?“ Dass dort Freundschaften entstehen, vielleicht die erste große Liebe beginnt, jemand den Mut fasst, über seine Sorgen zu reden oder zum ersten Mal merkt, dass er richtig gut mit Holz arbeiten kann. Solche Dinge plant man nicht. Dafür braucht man einfach einen Ort.
Und ich wünsche mir, dass Erwachsene ganz selbstverständlich dazugehören. Dass der ehemalige Kfz-Mechaniker sein Wissen weitergibt, die Kosmetikerin einen Workshop anbietet, die Rentnerin den Jugendlichen zeigt, wie man Marmelade einkocht, und am Ende alle voneinander etwas gelernt haben. Genau so funktioniert Gemeinschaft.
Ich hoffe einfach, dass die Scheune irgendwann kein Projekt mehr ist. Sondern ein Stück Treuenbrietzen.
Jonathan Summer: Die Stadtverordneten haben kürzlich den Weg für eine Kooperation zwischen städtischer Jugendarbeit und evangelischer Kirche freigemacht. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ich finde, wir verschwenden viel zu viel Energie damit, darüber nachzudenken, wem ein Jugendlicher gerade „gehört“. Der Stadt? Der Kirche? Der Schulsozialarbeit? Ehrlich gesagt ist mir das völlig egal. Hauptsache, er oder sie hat jemanden, der zuhört, einen Ort zum Ankommen und Erwachsene, die sich kümmern.
Ich wünsche mir, dass wir nicht nebeneinander arbeiten, sondern miteinander. Jeder bringt das ein, was er gut kann. Die Stadt ihre Erfahrung in der Jugendarbeit, wir unsere Räume, unser Netzwerk und vielleicht manchmal auch den etwas verrückten Mut, Dinge einfach auszuprobieren.
Ich glaube überhaupt nicht an Konkurrenz. Jugendliche interessieren sich nämlich herzlich wenig dafür, welches Logo auf der Eingangstür klebt. Sie wollen wissen: Bin ich hier willkommen? Werde ich ernst genommen? Gibt es hier Menschen, die Zeit für mich haben?
Wenn wir diese Fragen gemeinsam mit Ja beantworten können, dann ist es am Ende völlig nebensächlich, ob über der Tür „Stadt Treuenbrietzen“ oder „Evangelische Kirche“ steht. Dann haben wir unseren Job gemacht.
Jonathan Summer: Es gibt Bedenkenträger, die der Kirche bei der Zusammenarbeit mit der Stadt zuviel Einfluss auf die Jugend unterstellen. Wie gehen Sie mit diesem Vorwurf um?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ehrlich gesagt überrascht mich die Diskussion. Wir reden über einen Ort für Jugendliche. Über einen Ort, an dem sie Hausaufgaben machen, gemeinsam kochen, ein Fahrrad oder Moped reparieren oder einfach mal jemanden finden, der Zeit für sie hat. Und trotzdem beschäftigt manche zuerst die Frage, ob die Kirche zu viel Einfluss bekommen könnte.
Ja, die Scheune gehört der Kirche. Ja, dort hängt ein Kreuz. Das wird auch so bleiben. Gleichzeitig ist die Kooperation mit der Stadt genau deshalb so stark, weil jeder das einbringt, was er gut kann. Die Stadt verantwortet die inhaltliche Jugendarbeit. Wir stellen Räume, Netzwerke, Ehrenamtliche und unsere Haltung zur Verfügung.
Ich bin selbst Mutter. Und wenn ich sehe, womit junge Menschen heute täglich konfrontiert werden, dann finde ich Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl, Ehrlichkeit und Verantwortung ehrlich gesagt ziemlich zeitgemäß.
Mir geht es nicht darum, Jugendliche in eine Richtung zu lenken. Im Gegenteil. Ich wünsche mir junge Menschen, die Fragen stellen, widersprechen und sich ihre eigene Meinung bilden. Wenn am Ende jemand sagt, mit Kirche kann ich nichts anfangen, dann ist das völlig in Ordnung. Ich wünsche mir nur, dass er das sagt, nachdem er uns erlebt hat, und nicht, weil er nur die Vorurteile über uns kennt.
Und wenn Jugendliche nach einem Nachmittag in der Scheune nach Hause gehen, weil sie ihr Fahrrad wieder reparieren können, ihre Matheaufgaben geschafft haben, satt geworden sind, einen Menschen gefunden haben, der ihnen zuhört, und vielleicht ganz nebenbei gelernt haben, andere mit Respekt zu behandeln, dann kann ich mit dem Vorwurf, die Kirche hätte zu viel Einfluss, wirklich gut leben.
Jonathan Summer: Am Ende haben 17 Stadtverordnete dafür gestimmt, einer hat sich enthalten. Gehen Sie auf den einen Mandatsträger zu und werden versuchen seine Vorbehalte auszuräumen?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Nein. Demokratie bedeutet für mich nicht, dass am Ende alle derselben Meinung sein müssen. Sie bedeutet, dass unterschiedliche Meinungen ihren Platz haben und Entscheidungen getroffen werden. Genau das ist passiert.
Ich muss auch gar nicht jeden überzeugen. Das war nie mein Anspruch. Ich investiere meine Zeit ehrlich gesagt lieber in Jugendliche als in Überzeugungsarbeit bei Erwachsenen.
Und am Ende bin ich ziemlich entspannt. Wenn die Scheune das hält, was wir uns von ihr versprechen, dann wird sie ihre besten Argumente ganz von allein liefern.
Jonathan Summer: Was gefällt Ihnen an Treuenbrietzen und natürlich an der Marienkirche am Besten?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Treuenbrietzen ist schon besonders. Ich glaube, die halbe Stadt wusste, wer ich bin, bevor ich überhaupt hier gewohnt habe. Kleinstadt ist schon was Herrliches. Man kann hier eigentlich höchstens seinen Haustürschlüssel verlieren. Ansonsten spricht sich alles erstaunlich schnell rum.
Ich bin mit ziemlich vielen Ideen, einer ordentlichen Portion Leidenschaft und leider auch reichlich Ungeduld hier aufgeschlagen. Ich glaube, die Gemeinde hat es mit mir manchmal nicht ganz einfach. Wenn ich von etwas überzeugt bin, würde ich am liebsten heute anfangen und gestern fertig sein. Das kollidiert gelegentlich mit der Realität. Aber erstaunlich oft finde ich Menschen, die sagen: „Na gut… dann machen wir eben.“
Und genau das mag ich an Treuenbrietzen. Nach außen wirkt die Stadt manchmal ein bisschen rau. Aber wenn man einmal dazugehört, stehen plötzlich Menschen mit Kuchen, Werkzeug oder Marmelade vor der Tür. Da wird nicht lange geredet, da wird einfach gemacht.
Und die Marienkirche passt irgendwie genau dazu. Die Marienkirche steht da, als würde sie jeden begrüßen, der nach Treuenbrietzen kommt. Ich wünsche mir, dass sie genau das auch ausstrahlt. Keine Schwelle, vor der man stehen bleibt, sondern eine offene Einladung.
Jonathan Summer: Was wünschen Sie sich von der Stadtgesellschaft?
Pfarrerin Simone-Lippmann Marsch: Ich wünsche mir, dass wir wieder öfter die Hand ausstrecken als den Zeigefinger. Dass wir nicht sofort wissen, was der andere falsch macht, sondern neugierig bleiben. Unsere Welt wird gerade ziemlich laut. Vielleicht brauchen wir deshalb nicht noch mehr Menschen, die schreien, sondern mehr Menschen, die zuhören.
Und wenn wir dabei merken, dass wir alle ein bisschen komisch sind, dann ist das vielleicht gar kein Problem. Solange wir trotzdem gemeinsam an einem Tisch Platz finden.
Jonathan Summer: Vielen Dank für die Antworten.
(Artikelfoto: Pfarrerin Lippmann-Marsch aus Treuenbrietzen © S. Lippmann-Marsch)
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