Eine Stiftung für Reetz

Reetz erhält eine Stiftung, die Erich-Hahn-Gedächtnisstiftung zur Förderung des kirchlichen und kulturellen Lebens in Reetz. Möglich wurde dies durch den kürzlich verstorbenen Erich Hahn. Da er keine Nachkommen hat, wollte er sein Vermögen dem Ort zukommen lassen, in dem er fast sein ganzes Leben verbracht hat. Jetzt ist es an Testamentsvollstrecker Helmut Kautz, zu dem er eine besondere Bindung hatte, alles Notwendige in die Wege zu leiten und so dem Ort die Möglichkeit zu geben, die verschiedensten Dinge im Sinne des Verstorbenen zu tun.

Aber wer war eigentlich Erich Hahn? Die meisten kennen ihn unter seinem Spitznamen „Hahnepiepert“. Jedoch wie kam er zu diesem merkwürdigen Namen? Die Erklärung ist eigentlich ganz simpel. Erich Hahn bekam Stiefel vom Belziger Schuster Piepert! Stolz trug er sie. Auf die Frage woher die seien antwortete er: Von Piepert! So bekam Erich Hahn den Namen!

Erich Hahn auf seinem Hof

Er war ein echter Reetzer, freundlich, kinderlieb, Frauenfreund, ein Bauer durch und durch. Mit schiebern hat er nie aufgehört, er konnte handeln, liebte Trecker und Pferde und hatte ein schelmisches Lächeln. So erinnert sich Pfarrer Helmut Kautz an ihn.

Erich Hahn wurde 1934 in Dessau als drittes von vier Kindern geboren. Zwei seiner Schwestern starben kurz nach der Geburt, die andere war behindert und kam in ein Heim und wurde Opfer des Euthanasie-Programms der Nazis. Man hätte sie gern nach Hause geholt, aber die Familie hatte keine Kraft dafür. „Da haben sie ihr etwas gegeben“, erzählte Erich Hahn Pfarrer Helmut Kautz.

Der Vater von Erich Hahn Vater war Soldat  im Krieg und kam noch einmal nach Hause auf Fronturlaub. „Nun höre was Mutter Dir sagt“ sind seine letzten Worte an seinen Sohn. Schließlich wird er vermisst und Erich Hahn erlebt, wie er durch die Mutter für tot erklärt wird. So lange Ida Hahn lebte, hörte Erich Hahn auf sie und manche Frau wurde von ihr vergrault. Der Verlust des Vaters bewirkte in ihm eine große Verlustangst, die ihn zum Sammler werden ließ. Er konnte nichts loslassen oder wegwerfen.

Das Kriegsende nahte. Bevor die Russen kamen wurde das Schloss in Mahlsdorf geplündert. Erich Hahn erzählte, dass der Gutsherr da war und ihn ermutigte:

„Geh ruhig rein und nimm“.

„Die Russen hatten auf den Wiesen das Vieh zusammengetrieben und haben Pfannkuchen gebacken und den Kindern abgegeben“ erinnert sich Erich Hahn.  Im Hause Hahn waren noch Fremdarbeiterfrauen, die die Russen fernhielten, allerdings fanden sie mit langen Eisenstangen vergrabene Schätze und Alkohol. Aber er war Kind und nahm das alles als großes Abenteuer.

Erich Hahn musste früh seinen Mann in der Landwirtschaft stehen und hat sein Leben lang schwer und gern darin gearbeitet, immer hat er neben der Arbeit in der LPG Schweine gefüttert und Ziegen gehalten.

Erich Hahn war zweimal verheiratet. Allerdings war, solange seine Mutter lebte, kein Platz für eine zweite Frau im Haus. Seine letzte Frau taugte nicht für die Landwirtschaft und ging mit einem Bierbrauer fremd, so wurde er zweimal geschieden. Erich Hahn und seine Arbeitskollegen unternahmen immer wieder Versuche, per Anzeige eine Frau zu finden. Ganze Stapel solcher Post finden sich in seinem Nachlass

Mitte der 70er Jahre stirbt seine Mutter. Seine letzte Frau verlässt ihn und er schafft wieder Pferde an –  Stepke ist das erste Ross! In dieser Zeit taucht Helmut Kautz erstmals mit seiner kleinen Schwester bei Erich Hahn auf. Die beiden freunden sich an. Der jetzige Pfarrer ist viel mit auf dem Feld, wo er eine Menge über Landwirtschaft lernt, aber er ist auch bei so mancher „Handelsreise“ dabei. Was Erich Hahn schließlich zum Verhängnis wird.

1982 will er sich scheiden lassen. Aber seine Frau zeigt ihn wegen Schwarzhandels an. Es kommt zur Hausdurchsuchung, und Erich Hahn wird wegen illegaler Lagerung von einigen 1000 Liter „Russendiesel“ und dem Besitz unzähliger Reifen und Motoren zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Einen Tag vor der Scheidung versucht sein Stiefsohn ihn mit einer Pistole zu erschlagen. Die Nachbarn finden Erich blutüberströmt mit zerrissenem Nachtgewand unter der Laterne vor seinem Haus vor. „Helmut, ich lebe noch!“ rief er dem Pfarrersjungen bei der ersten Begegnung nach dieser schaurigen Tat zu.

Nach der Wende wird Erich Hahn Frührentner, die LPG braucht ihn nicht mehr. Aber nun beginnt für ihn eine wunderbare Zeit. Überall werden Dinge weggeworfen, die er einfach mitnehmen kann. Sein ganzer Hof ist bis unter den letzten Dachbalken voll mit wundersamen Dingen –Erich Hahn  konnte alles gebrauchen und dazu eine Geschichte erzählen, was daraus werden könnte. Dabei entfernte er sich nie weit von der Kirchturmspitze, nur soweit, wie ihn sein 11er Deutz Traktor oder das Fahrrad trugen. Er kannte  jeden Pferdebesitzer, alles andere interessierte ihn nicht. Er trug nie eine Uhr und lebte mit den Jahreszeiten.

Es begannen noch einmal zwölf schöne Jahre für Erich Hahn. Jeden Tag schauten die Frauen des Pflegedienstes nach ihm. Er war beliebt und pflegeleicht, nur seine Emotionen für die Damen konnte er manchmal nicht im Zaum halten.

Aber Alter und Krankheiten forderten Tribut. „Dass ich so lange zappeln muss, hätte ich nicht gedacht“ sagte Erich Hahn acht Wochen vor seinem Tod zu Helmut Kautz. Auf eigenen Wunsch ging er ins „Hospital zum Heiligen Geist“.

Nun hat sein Herz aufgehört zu schlagen, aber den Reetzern wird er auf Grund seiner Stiftung auch noch nach Generationen in Erinnerung sein.

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