Ick bin da Wald – Ein Hörerlebnis im Gehölz

Raben. An einem sonnigen Sonntag geht es für mich in den Wald. Schon bei der Anfahrt merke ich: Ich bin nicht die Einzige, die an diesem zweiten Oktoberwochenende auf diese Idee kommt. Pilzesammler*innen, Spaziergänger*innen mit Hunden, Wanderer*innen begegnen mir. Doch auch etwas Ungewöhnliches sehe ich: Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren, die allein in einem Waldstück bei Raben unterwegs sind.

 Zu denen gehöre ich auch gleich. Ich habe mir zuvor online ein Ticket gekauft und hole mir an einem fürs Wochenende aufgebauten Stand neben dem Bergmolchteich in Raben das Abspielgerät ab. Der Player sieht aus wie ein Stück Holz, aus dem ein Kopfhörerkabel kommt. Einen einzigen Schalter für laut und leise gibt es, ansonsten kann ich nichts verändern an dem Hörspiel, was gleich abgespielt wird. Dieses, sagt mir eine Stimme über die Kopfhörer, beginnt in drei Minuten. Ich habe noch etwas Zeit, zum Ausgangspunkt zu schlendern, meine Kopfhörer bequem zurecht zu ruckeln und neugierig vorfreudig zu sein. Dann geht es los.

Ich werde eingeladen, langsam in den Wald zu schreiten. Damit tauche ich ein in den äußerst kurzweilige Audio-Spaziergang von einer knappen Stunde Länge. Die Stimmen, die durch diesen leiten, weisen mich immer wieder auf die Dinge um mich herum hin, so dass ich nicht verloren gehen kann. Am Anfang ist das beispielsweise ein kurzes Stück Asphaltweg, dann später mal der Feldrand. Zusätzliche Orientierung bietet ein roter Faden am Boden. Zudem gibt es an einigen Punkten Markierungen, wo ich stehen bleiben oder abbiegen soll. So zum Beispiel vor einer Eiche. Ich bin fasziniert, wie gut das klappt, dass ich sofort den richtigen Baum ansteuere. Hier werde ich auch gleich das erste Mal zu einer kleinen Mitmachübung eingeladen. Schunkeln oder drehen soll ich mich. Ist das nicht peinlich, wenn mich andere Waldbesucher*innen sehen? Egal, ich bin Teil eines Kunstprojekts!

Das kleine Stück Wald, durch den der Audio-Spaziergang führt, wurde dafür neben Hinweisschildern auch mit anderen Dingen präpariert, die sich im gesprochenen Text wiederfinden. Wettert der Wald gerade über das Müllproblem, sehe ich am Rand eine Müllskulptur. Später gibt es noch verschiedene Einladungen zum Eintauchen. An einer Stelle, wo Bilderrahmen in den Bäumen hängen soll ich mich ins Moos setzen und mich und mein Verhältnis zum Wald betrachten. An einer anderen steht ein Stuhl bereit, um meine Schuhe oder mich gleich ganz auszuziehen. Ich belasse es erst einmal bei den Schuhen. Doch das Hörstück ist nicht nur eine geführte Verbindung mit der Natur. Es bietet auch kunstvoll Informationen zum Wald. Am meisten begeistern mich der Monolog des Wolfes, der Wurzel-Myzel-Rap oder die revoltierenden Kinder der Baum-Kita. Humorvoll und trotzdem spannend vermittelt das Macher-Team Wissen und greift aktuelle Diskussionen auf. Ich fühle mich gut unterhalten und zugleich gebildeter, als ich zurück zum Ausgangspunkt komme.

Den zwei bis drei Kilometer langen Audio-Spaziergang hat das Kollektiv Pandora Pop unter der Produktionsleitung von Marie Golüke entwickelt. Sie war es auch, die mir die Kopfhörer am Anfang in die Hand gedrückt hat und verriet, dass etwa 20 Menschen pro Tag das Hörerlebnis mitgemacht haben. Dabei fand die „Aufführung“ an je einem Wochenende im September und Oktober statt. An insgesamt vier Tagen konnten Interessierte sich einen der 44 Zeitslots zwischen 10:00 und 17:30 Uhr buchen. An einem Zelt bekamen sie den Player ausgehändigt und wurden – zehn Minuten zeitversetzt zur Person davon und dahinter – auf den Spaziergang geschickt.

Für mich war das Erlebnis ein Beispiel, wie Kultur und Digitalisierung im ländlichen Raum funktionieren kann. Ich erlebte ein kleines Theaterstück, aufgeführt mithilfe des Waldes als Kulisse und des Audiokommentars über die Kopfhörer. Ich konnte eintauchen und teilnehmen, ohne dass ich technisches Vorwissen mitbringen oder an einen Veranstaltungsort irgendwo in der Stadt fahren musste. Ich freue mich auf noch mehr Erlebnisse dieser Art und bin nun schon ganz gespannt auf andere Projekte des Naturparkzentrums, wie den Kunstwanderweg mit Augmented Reality.

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