Niemegk: Gemeinsam am Rathaus-Bauschutt „geschnüffelt“

Experten gehen den Ursachen der Geruchsbelästigung in der Kämmerei nach / Entwarnung: Keine gefährlichen Stoffe gefunden

Niemegk Es ist kaum zu glauben: Die spannenste Baustelle in Niemegk befindet sich derzeit im Rathaus. Die Experten geben sich förmlich die Klinke in die Hand, um im exakt 448 Jahre alten Gebäude – dem bedeutensten Renaissance-Rathaus im Land Brandenburg – auf den Spuren des Mittelalters zu wandeln. So trafen sich in dieser Woche: Kreisdenkmalpflegerin Jorinde Bugenhagen, Manuela Räbiger vom Kreisdenkmalschutz-Bodenschutz, Architekt Oliver Ryl (bekannt von der Schulsanierung) mit Mitarbeiter Herr Thinius, Dr. Bärbel Arnold als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege, Ellen Egel als Praktische Denkmalpflegerin im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalpfleger  Thomas Langer und Eike Schumann von der Bauverwaltung in Niemegk.

Die Experten gingen der Frage nach, wie auf der Baustelle im Rathaus weiter verfahren werden soll. Zur Erklärung: Anfangs drei, jetzt zwei Räume der Kämmerei mussten unlängst geräumt werden, weil die Mitarbeiter über gesundheitliche Beeinträchtigungen klagten. Üble Gerüche sollen nicht allein Kopfschmerzen ausgelöst haben. Die Ausdünstungen hätten sich, so wurde berichtet, in der Kleidung und in den Haaren festgesetzt – da war praktisch jeden Tag Kopf waschen angesagt! Nach dem Umzug von fünf Mitarbeitern und der Räumung der Amtsstuben wurde eine Wand und Türen entfernt (Niemegk-bloggt berichtete) sowie der Fußboden aufgenommen. Dabei kam Denkmalpfleger Thomas Langer zum Einsatz. Mit seinem fachmännischen Sachverstand wurden vor allem Münzen, Scherben, Steinreste und Holzkohle und Reste des 1547 bis auf die Mauern niedergebrannten Rathauses gefunden und gesichert. Davon zeugt jetzt auch ein Ofen-Fundament, das sich im hinteren Raum der Kämmerei offenbart hat.

Was sind die Ursachen der üblen Gerüche?  Immerhin sind sie noch immer in den Räumen deutlich wahrnehmbar. Denn weiteren Arbeiten soll ausgeschlossen werden, dass die Ursachen beseitigt worden sind. Nach derzeitigen Erkenntnisse, die mittels einem Raumluftgutachten für 3800 Euro gewonnen wurden, sollen Phenole dafür verantwortlich sein. Phenole sind die Grundlage zur Herstellung von Kunstharzen. Sie werden auch bei der Herstellung von Kunststoffen, Farbstoffen, Pharmazeutika und Pestiziden verwendet – im vorliegenden Fall im Fußboden (Ausgleichsmasse) verwendet. „Sie sind nicht giftig, aber geruchsbelästigend“, hieß es in der Runde.

Die Experten rätselten, ob allein der Fußboden für die Ausdünstungen verantwortlich ist. Deshalb sollen Proben des losen Unterbodens – unterhalb der noch zu entfernden Schicht – noch einmal im Labor untersucht werden. Die Fachkollegen um Jurinde Bugenhagen und Dr. Bärbel Arnold wollten der Ursache selbst auf dem Grund gehen und verlegten die Beratung vor das Rathaus. Dort gab es eine gemeinsame „Schnüffel-Aktion“ an Proben von Fußbodenresten (Ausgleichsmasse) und Sand aus dem Fußboden der Kämmereiräume. Das Glas mit dem Sand roch nach Kirschmarmelade (wahrscheinlich mal drin gewesen). Die Fußbodenreste versprühten tatsächlich die üblen Gerüche. Sie sind wahrscheinlich auch in den Tapeten eingezogen, weshalb im Raum immer noch wahrnehmbar sind.

Des Weiteren beriet die Expertenrunde, wie der Fußboden wieder erneuert wird. Hier müssen die Vorstellungen der Denkmalschützer mit den technischen Anforderungen der modernen Baukunst in Einklang gebracht werden – Renaissance trifft sozusagen auf Neuzeit. Architekt Oliver Ryl ist in dieser Hinsicht gefordert und soll in nächster Zeit Vorschläge unterbreiten, wie ein „difusionsoffener Fußbodenaufbau“ möglich ist. Da auch eine neue Heizung im Rathaus geplant wird, kommen vielleicht Sockelheizkörper oder auch eine Fußbodenheizung in Betracht. Letztere würde für die künftiger Nutzer der Räume bedeuten, warme Füße zu haben und einen kühlen Kopf zu bewahren. In jedem Fall sollen die neu zu gestaltenen Räume barrierefrei erreichbar sein. Für die farbliche Gestaltung der Räume, in denen Amtsdirektor Thomas Hemmerling ein Bürgerbüro etablieren will, soll Restaurator Uwe Drott um Rat gefragt werden. Für die Arbeiten in der ehemligen Kämmerei sind 80.000 Euro eingeplant.

Schließlich wagten die Eperten noch einen Abstieg in den Ratskeller, der nicht Gegenstand der Sanierungsarbeiten im Rathaus-Erdgeschoss ist. Hier wurde vor Jahren der Putz abgeschlagen. Hier wurde vorgeschlagen, für eine bessere Belüftung zu sorgen. Deutlich erkennbar ist dort, dass die Ziegel von Salz zerfressen sind und in einzelnen Bereichen auszutauschen sind. Für die Sanierung des Ratkellers steht zurzeit kein Geld zur Verfügung.

 

 

 

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