Bad Belzig. Queeres Leben auch auf dem Land sichtbar machen war das Anliegen der Veranstaltung.
Queer heißt nicht nur homosexuell, sondern ist ein Begriff, der vielfältigen Formen von sexuellem und romantischem Begehren sowie verschiedene Geschlechteridentitäten einschließt. Früher wurde er oft als Schimpfwort gebraucht, inzwischen ist er auch ein politischer Begriff. In den Großstädten sind queere Menschen fast Normalität, obwohl es auch dort Anfeindungen gibt. Im ländlichen Gebiet gibt es oft noch Aufklärungsbedarf. Dafür fand am vergangenen Samstag der erste CSD (Christopher Street Day) in Bad Belzig und damit im gesamten Landkreis Potsdam Mittelmark statt. Der Christopher Street Day, steht für einen Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen sowie weiteren queeren Menschen. Die Stadt zeigte Flagge – die Regenbogenflagge wehte am Rathaus.

Bis 1994 waren sexuelle Handlungen zwischen Männern – unter wechselnden Tatbestandsvoraussetzungen – nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs in Deutschland strafbar. Erst am 22. Juli 2017 trat das Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitation der nach dem 8. Mai 1945 wegen einvernehmlicher Handlungen verurteilten Personen in Kraft. Im Jahr 2002 hob der Bundestag die während der Zeit des Nationalsozialismus ergangenen Urteile auf. Erst am 22. Juli 2017 wurden auch alle Urteile nach 1945 aufgehoben. Der Paragrafen 175 wurde im Deutschen Kaiserreich 1871 eingeführt und stellte „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern unter Strafe. Auch in der Weimarer Republik bestand die Strafvorschrift fort. Die Verschärfung des Gesetzes erfolgte unter dem Nazi-Regime 1935: Allein ein Verdacht war ausreichend, um zu bis zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt zu werden. Viele Homosexuelle starben in Konzentrationslagern.

Davon ist man heute weit entfernt, aber noch immer werden Menschen, die nicht in das Schema passen, angefeindet. Viel hängt es auch mit der früheren Haltung der Kirchen zusammen. Aber auch dort tut sich etwas. Man hat mühsam gelernt, dass alle Menschen gleich sind, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung. In der evangelischen Kirche werden seit längerer Zeit auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften geachtet und gesegnet, weiß Bad Belzigs Pfarrerin Christiane Moldenhauer. „Wir möchten, dass die Menschen sich willkommen fühlen in unserer Kirche, und es ist wichtig, dass wir das auch zeigen“, sagte sie im Rahmen des CSD.
Sie selbst und auch Pfarrer Daniel Geißler nahmen am bunten Umzug durch die Stadt teil. Vor 30 Jahren war das noch anders, erinnert sich die Pfarrerin, aber inzwischen seien die Menschen auch toleranter geworden. Sie erlebt aber auch immer wieder in persönlichen Gesprächen Intoleranz und Ablehnung. „Dem müssen wir etwas entgegensetzen“, so Christiane Moldenhauer. Offiziell sehen das viele Kirchen noch anders, auch wenn es aus kleineren Kirchengemeinden durchaus positive Signale gibt. „Dieses Thema spaltet die Kirchen, ich bin traurig, dass es ein Spannungsthema zwischen den Kirchen ist“, sagt die Pfarrerin.
Auch die katholische Kirche hat inzwischen eingelenkt. Homosexuelle Paare können ab sofort auch in der katholischen Kirche gesegnet werden. Der Vatikan veröffentlichte 2023 eine Grundsatzerklärung, wonach Geistliche unverheiratete und homosexuelle Paare segnen dürfen. In dem Text wird jedoch betont, dass dabei eine Verwechslung mit einer Eheschließung ausgeschlossen werden muss. Auch darf ein Geistlicher den Segen nicht im Rahmen eines Gottesdienstes erteilen.

Es war doch bemerkenswert, wie viele queere und auch andere Menschen an der Parade teilnahmen. „Wir queeren Menschen sind eine Möglichkeit in der Vielfalt von Beziehungen, und diese Vielfalt wollen wir heute feiern“, sagte Jennifer Burmeister, eine der Mitorganisatorinnen der Veranstaltung:
„Wir wollen eintreten für eine selbstbestimmte Identität.“
Danny Hatscher, der die Veranstaltung für den DGB mit organisierte, machte in seinen Worten deutlich:
„Es muss Pflicht sein, jedes Jahr hier präsent zu sein“.
Er äußerte sich begeistert über den großen Erfolg des ersten CSD in Bad Belzig. Nicht nur, dass sich viele Menschen am Umzug mit Musik beteiligt haben, die Einwohner winkten der Parade aus den Fenstern zu. Obwohl es am Vormittag auch Gegenaktionen gab. Beim Aufbau fand Danny Hatscher viele Sticker gegen den CSD auf dem Marktplatz angeklebt. Das beunruhigte ihn aber nicht im Geringsten. „Das bedeutet doch, wir wurden im Vorfeld gesehen und die Menschen setzen sich mit dem Thema auseinander“, sagte er.
Im internationalen Vergleich ist Deutschland in Sachen Gleichstellung schon sehr weit. Gleichgeschlechtliche Paare können heiraten, und seit Mai dieses Jahres ist es durch das Selbstbestimmungsgesetz leichter geworden, den Geschlechtseintrag zu ändern. Die gesellschaftliche Realität sieht jedoch anders aus. Auch in Deutschland gibt es Gewalt gegen Menschen, die nicht in das Bild der vermeintlichen Normalität passen. Im Jahr 2022 gab es durchschnittlich drei Fälle von Hasskriminalität gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen pro Tag.
Auf dem Bad Belziger Marktplatz wurden aber nicht nur Reden gehalten. Viele Vereine und Organisationen präsentierten sich, und es gab viel Informationsmaterial zum Mitnehmen. So war zum Beispiel die Initiative „Omas gegen rechts“ aus Berlin vor Ort. Sie informierten über sich, betonten aber, heute ausdrücklich für Toleranz, Vielfalt und Menschenwürde an der Veranstaltung teilzunehmen.
Auch das Regenbogenfamilienzentrum, ebenfalls aus Berlin, hatte Informationen dabei. Eine sehr hilfreiche Einführung in die queere Welt gibt es in einem Büchlein des Landesverbandes AndersARTiG e.V. aus Potsdam. Sie kann unter www.andersartig.info/wp-content/uploads/Broschu%CC%88re-LSBTIQ-oder-was.pdf eingesehen werden.
Impressionen vom erste CSD in Bad Belzig
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