Garrey: Die lange Geschichte der Wende

Garrey. Ja, es war schon interessant zu hören, auf welche Informationsquellen die Forschungsgruppe zu ihrem Wendeprojekt „Die lange Geschichte der Wende“ zurückgegriffen hat. Die ersten Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden auf einer Dialogreise durch Ostdeutschland kürzlich auch in Garrey präsentiert. Aber für die Gäste der Veranstaltung stand durchaus der persönliche Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt. Das war deutlich zu spüren, denn bereits vor Beginn und auch während der Pause fanden sich schnell kleine und große Gesprächsgruppen.

Projekt des Zentrums für zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)

Das Projekt  des Leibniz-Zentrums für zeithistorische Forschung Potsdam wurde 2016 gestartet. Dabei die Meinung der Menschen im Mittelpunkt. Wie haben Menschen die letzten Jahre der DDR, die friedliche Revolution und den Systemwechsel erlebt und gestaltet? Wie wird heute daran erinnert? Über vier Jahr widmete sich Kerstin Brückweh gemeinsam mit Anja Schröter, Clemens Villinger und Kathrin Zöller verschiedenen Bereichen der ostdeutschen Lebenswelt – dem Wohneigentum, der Schule, dem Konsum und dem lokalen politischen Engagement. Das Projekt-Team stellte fest: Die Jahre 1989/90 waren keine „Stunde Null“. Wer Ostdeutschland verstehen will, muss sich mit der Zeit vor, während und nach der friedlichen Revolution beschäftigen und zusammenhängend betrachten. .

Deshalb wurden nicht nur Archive durchsucht, sondern vor allem auch viele Interviews mit den Menschen geführt. Anfangs hatte man sich dabei auf die Städte, vor allem Berlin,  konzentriert, die im Mittelpunkt der friedlichen Revolution standen. Schnell bemerkte man aber, dass die Menschen auf dem Land, fernab der Metropolen, die Zeit teilweise völlig anders erlebt haben. So wurde das Projekt auf Orte jenseits von Berlin ausgeweitet.

Das Leben geht weiter

Aber wie bringt man nun zwei völlig verschiedene Systeme in seinem Leben unter? Viele Gespräche ergaben eine ganz banale Annahme: Das Leben geht weiter. Wenn auch unter völlig anderen Voraussetzungen. Da herrschte anfangs große Unsicherheit. Besonders im Bildungssystem. Nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer mussten sich völlig neu orientieren. Die Schulgesetze waren zwar festgeschrieben, das hieß aber nicht, dass auch alles funktionierte. Auch zum Thema Wohnen und Eigentum gaben die Archive wenig her. Da musste man viel mit den Leuten sprechen. Und das auch noch einmal Jahre später. Dabei stellte das Projektteam fest, dass die Menschen Jahre später die Situation völlig anders betrachteten. Und gerade in persönlichen Gesprächen kamen Dinge zur Sprache, die man im öffentlichen Raum sicher nicht gesagt hätte.

Klischee “Kaufrausch”

Das Konsumverhalten spielte kurz nach der Wende eine entscheidende Rolle. Aber dass die Ostdeutschen in einen Kaufrausch verfielen, sei eher ein Klischee, so Clemens Villinger. Man fuhr zwar in den Westen, aber meist nur, um sich einen Überblick zu verschaffen. Natürlich wurde auch etwas gekauft, aber als Kaufrausch kann man das nicht bezeichnen, so Villinger. Dann doch eher die Auflösung von alten Lagerbeständen der HO (Handelsorganisation). Da erinnerte sich eine Verkäuferin an das „Verramschen“ der Ware eher im negativen Sinne. Die Stiftung Warentest hatte damals einen sogenannten „Einkaufshelfer“ veröffentlicht, denn in der DDR war man das vergleichen von preisen nicht gewöhnt. Das Stück Butter kostete in jedem Geschäft gleich viel. Da anfangs die Waren im Osten meist teurer waren, fuhren viele zum Einkaufen ins Westgebiet.

Tiefes Loch Arbeitslosigkeit

Das Schlimmste für viele Ostdeutsche war wohl die plötzliche Arbeitslosigkeit. Jahrzehntelang hatten sie in den volkseigenen Betrieben geschuftet und nun wurden sie nicht mehr benötigt. Die Betriebe wurden geschlossen oder umstrukturiert. Dabei fielen viele in ein tiefes Loch.

Aber es gibt auch Dinge, die sich erhalten haben. Dazu gehört das „Do it yorself“. Zu DDR Zeiten sicher deshalb, weil man vieles nicht kaufen konnte. Heute ist es oft Freizeitbeschäftigung und Hobby. Ähnlich war es mit der Selbstversorgung. Gerade auf dem Land hatten fast alle Acker und Garten. Zusätzlich gab es ein gefördertes Aufkaufsystem für Obst und Gemüse. Dieses sollte Anreiz für den Anbau sein und so  Versorgungslücken schließen.

Eine Meinung überraschte die Forscher. In einem Gespräch wurde ihnen gesagt: Es gab zwar nicht viel zu kaufen, aber wir waren doch alle gleich. Vielleicht mit Ausnahme der Regierungsmitglieder, die ihre Privilegien hatte.

„Die DDR ist deutsche Geschichte”

So ganz zufrieden war Hans-Joachim Linthe, Bürgermeister in Niemegk, nicht mit dem Begriff „Wende“, der von Egon Krenz in einem anderen Zusammenhang geprägt wurde. Er plädiert dafür, „friedliche Revolution“ zu nutzen. Wolfgang Lubitzsch aus Garrey konnte viele eigene Erfahrungen in die Diskussion einbringen. Geboren in Garrey ist er jedoch in der BRD aufgewachsen und lebt nun seit 10 Jahren wieder in seinem Heimatort. „Die DDR-Geschichte hat lange gebraucht, um einen Stellenwert zu bekommen“, so seine Meinung. Wolfgang Lubitzsch erinnert sich an viele Gespräche aus seiner Kindheit und Jugend, in denen alles, was in der DDR war, als schlecht bezeichnet wurde. Über das sammeln von Altstoffen habe man sich totgelacht. Heutzutage sind das alles wertvolle Rohstoffe. „Die DDR ist deutsche Geschichte, die man nicht wegdiskutieren kann“ so Lubitzsch. Erst nach 30 Jahren greift man wieder Ideen der DDR auf, wie die der Polikliniken.

Interesse aneinander?

Stellt man sich die Frage, was man früher voneinander wusste, erhält man ein ernüchterndes Ergebnis. Die BRD-Bürger hatten eher ein bruchstückhaftes Wissen über die DDR. Andersherum haben sich die Einwohner der DDR mehr für das Leben „drüben“ interessiert. Mit der Wende jedoch änderte sich auch das Interesse der BRD-Bürger am Osten. Diese Erfahrung machte jedenfalls Siegfried Frenzel. Als Jugendlicher hatte er in einem regen Briefwechsel Kontakt zu Jugendlichen aus der BRD. Darin interessierten diese sich  für das Leben in der DDR. Als Siegfried Frenzel nach dem Umbruch auf einem Seminar persönlichen Kontakt herstellen konnte, war er etwas verwundert. Es kam keine einzige Frage mehr über die Situation in der DDR. Darüber war er total betroffen, sprach doch die Korrespondenz eine andere Sprache. Ähnlich ging es auch Privatpersonen, bei denen sich das Verhältnis zu den Verwandten nach der Grenzöffnung merklich abkühlte.

DIE Geschichte der Wende gibt es nicht, so das Fazit sowohl der Forschungsarbeit als auch der Dialogreise durch Ostdeutschland. Wichtig sei jedoch, diese Erinnerungen weiter zu erzählen, denn Dorf und Stadt haben diese Zeit völlig unterschiedlich erlebt. Die Projektergebnisse werden auch in einem Buch veröffentlicht.

Mehr Informationen gibt es unter: https://zzf-potsdam.de/de/forschung/linien/die-lange-geschichte-der-wende-lebenswelt-systemwechsel-ostdeutschland-vor-waehrend

 

 

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