Erich-Weinert-Oberschule Wiesenburg

Erich-Weinert-Oberschule im Schloss Wiesenburg

Wiesenburg. „Was spielt sich da oben bloß ab?“ fragten sich die Wiesenburger Dorfbewohner oft. Gemeint war die Internatsschule im Schloss.

Nach dem Krieg wurde die Schule zur Ausbildung von Neulehrern genutzt. Danach wurde ein Antrag zur Einrichtung einer Internatsschule gestellt, um, getreu den Richtlinien des Sozialismus, jedem begabten Kind (besonders Arbeiterkinder) eine umfassende Ausbildung zu ermöglichen. Anfangs gab es noch wenige Schüler, lediglich 13 machten 1950 das erste Abitur. Interessant waren die Verpflegungsmengen, die jedem zur Verfügung standen. So gab es 1950 täglich pro Person 450 g Brot, 30 g Fett, 35 g Zucker und 50 g Fleisch. 1954 erschien die erste Ausgabe der Schulzeitung „Die Brücke“, die im wahrsten Sinne des Wortes eine Brücke zwischen Schülern, Lehrern und Eltern sein sollte.

1956 erhielt die Schule den Namen „Erich Weinert“ – abgekürzt „EWOS“ (was viele fälschlicherweise als erweiterte Oberschule interpretierten) und war durch diesen einfach zu merkenden Namen über die Kreisgrenzen hinaus bekannt geworden. Ab 1952 wurde der erweiterte Russischunterricht eingeführt, zehn Jahre später wurde Wiesenburg zu einer Spezialschule zur Vorbereitung auf das Russischlehrerstudium. Die Schüler kamen aus den sogenannten „R“ Klassen, in denen man bereits ab der 3. Klasse Russischunterricht hatte, nicht wie sonst üblich ab der 5.

Wiesenburg konnte sich nach geeigneten Schülern im nördlichen Bereich bis etwa Leipzig nach geeigneten Schülern umsehen, der Schwesterschule in Wickersdorf blieb der südliche Teil der DDR. Es entschieden sich meist Mädchen für diesen Beruf – bei im Schnitt 170 Schülern pro Jahrgang gab es etwa 25 bis 30 Jungen. Die hatten natürlich nun die Auswahl in puncto Freundinnen und waren Hahn im Korb. Die Mädchen schauten sich also unter der Dorfjugend um und versuchten, dieser natürlich ihre Ansichten zu vermitteln. Gelang das? Eigentlich nicht, muss man im Nachhinein sagen. Aber doch so einige fanden hier den Mann fürs Leben und sind immer noch miteinander verheiratet.

Es gab einen Vertrag mit der Moskauer Spezialschule Nr. 3, der unter anderem auch die Arbeit von Gastlehrern aus Moskau in Wiesenburg beinhaltete. Natürlich fand auch ein Schüleraustausch statt, die 11. Klassen führen für drei Wochen nach Moskau, um Land und Leute kennen zu lernen. Täglich war ein Schüler als Dolmetscher abgestellt für die begleitenden Lehrer, die kein Russisch konnten.

Natürlich nahmen die Schüler der EWOS auch an den regelmäßig in der DDR stattfinden Russischolympiaden teil, teilweise mit herausragenden Ergebnissen. Das Internatsleben war typisch für die damalige Zeit. Nach der Schule gab es verschiedene Arbeitsgemeinschaften. Chor und Singeklub waren weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt und waren die „Brücke“ zum Ort, man organisierte sich in DRK und GST, führte in der Polytechnischen Oberschule Pioniernachmittage durch und engagierte sich in der Freiwilligen Feuerwehr.

Viele Erinnerungen kommen ehemaligen Schülern in den Sinn – aber jeder war der Meinung, dass der Besuch der Schule ein prägendes Erlebnis in seinem Leben war, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Auch wenn nicht alle im Anschluss Lehrer wurden, aus der Schule sind Wissenschaftler hervorgegangen und heutige Politiker waren zu Gast.

(Artikelfoto: Blick in das Sprachkabinett | Die alten schwarz/weiß Fotos sind aus dem Parkarchiv, zur Verfügung gestellt von Parkleiter Ulrich Jarke)

Erinnerungen von Eva Loth

Das erste Mal besuchte ich Wiesenburg 1970. Wir fuhren mit einem „Robur“, um uns mit anderen Schülern und Eltern Schule und Internat in Wiesenburg anzusehen. Auch ich hatte seit der dritten Klasse Russischunterricht und wollte Lehrerin werden. Natürlich zeigte man und damals die angenehmen Seiten des Internatslebens. Als ich dann 1972, mit 14 Jahren, ins Schloss einzog, holte uns alle der Alltag sehr schnell ein. Ich wohnte damals mit 4 anderen Mädchen im Zimmer 72. Dieses Zimmer hatte einen Vorteil, es lag zum Park hinaus und man hatte so beim Blick aus dem Fenster nicht ständig den Schulhof vor Augen. Als ich das erste Mal das Zimmer betrat, sah ich sofort einen großen Wasserfleck an der Decke. Nein, durchgeregnet hat es nie, aber schön sah es auch nicht aus. In der Mitte stand ein großer Tisch mit 5 Stühlen, für jeden ein Spind, ähnliche denen bei der Armee, 2 Doppelstock- und ein Einzelbett aus Metall. So waren alle Zimmer entsprechend der Belegung eingerichtet, auch die höheren Klassenstufen. Die Sachen im Spind mussten immer ordentlich liegen, das wurde sogar kontrolliert.

Der Tagesablauf war bis ins Kleinste geregelt. Morgens um sechs weckte uns die „Brumme“. Dann hieß es anstehen an den Waschbecken und dann ab zum Frühstück. Die Marmelade aus den Pappeimern war nicht jedermanns Geschmack, dafür gab es aber jeden Morgen eine frische Semmel von Bäcker Bärmann. Die „Neuen“ hatten die Aufgabe, diese jeden Morgen in großen Kisten abzuholen, was also hieß, früher aufstehen, wenn man dran war.

Unterricht und auch Nachmittagsbeschäftigungen liefen ab, wie an anderen Schulen auch. Es blieb sogar etwas Zeit, um in den Park zu gehen. Abends war die „Aktuelle Kamera“, die Nachrichtensendung der DDR, Pflicht. Es war gut, sie anzusehen, denn im Russischunterricht wurde anfangs abgefragt, was so in der Welt passiert war. Neben der Aula, die auch für andere Veranstaltungen genutzt wurde, gab es noch zwei Fernsehräume. Diese waren nicht so groß und deshalb gemütlicher. Aber auch meist schnell besetzt. Besonders Raum 27 war sehr begehrt. Dieser lag im Erdgeschoß und hatte ein Fenster zum Park hinaus. Das wurde natürlich auch genutzt, um hinauszuklettern und sich mit der Dorfjugend zu treffen, was natürlich nicht gern gesehen war. Als die Schulleitung dahinter kam, wurde das Fenster vergittert. Überhaupt waren Kontakte der Mädchen zu den Jungen im Dorf nicht im Sinne der „sozialistischen Erziehung“, ließen sich aber natürlich nicht vermeiden. So manch ein Mädchen fand so trotzdem den Mann fürs Leben.

Die Regeln im Internat waren streng und wer sich nicht daran hielt, wurde öffentlich gemaßregelt. Das haben viele Ehemalige bis heute nicht verwunden. Wollte man Wiesenburg verlassen um mal mit dem Bus nach Belzig zu fahren, musste sich abgemeldet werden. Alles wurde fein säuberlich notiert. Diese und andere Notizen sind erhalten geblieben. Nach Abwicklung der Schule wurden sie in ein Archiv nach Brandenburg gebracht. Ich war neugierig, was man so alles aufgeschrieben hatte und machte mir einen Termin im Archiv. Was ich dort allerdings alles zu lesen bekam, versetze mit dann doch einen Schock. Da wurde selbst das Intimste notiert und ausgewertet.

Ja, die Schule hat viele geprägt und man hat sicherlich auch viel gelernt. Aber die Art und Weise, wie die Internatsschüler behandelt, kontrolliert und – ja auch bespitzelt wurden- hinterließ bei vielen bis in die heutige Zeit seelische Wunden.

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3 Antworten

  1. …auch ich war in der EWOS. Mich würde interessieren, wohin ich mich wenden muss, um die archivierten Unterlagen einzusehen.

  2. Ich war Magdeburger weitling-schüler von 1955-1961 und von 1961-1963 in Wiesenburg. Es war die Zeit der Kuba-Kriese und eine komplizierte Versorgung,aber schön. Prägend für das ganze Leben. Danke.

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