Belzig geht an die Tischdecke

Belzig. „Belzig geht an die Tischdecke“ ist ein Projekt der Theatergruppe Departure e.V. unter der künstlerischen Leitung von Anne-Rebekka Düsterhöft sowie der Mitwirkung weiterer Theaterschaffender. Die Teilnehmenden des Projekts sind Bürger und Bürgerinnen aus Bad Belzig und Umgebung, die sich seit November 2019 regelmäßig in den Räumen der AWO am TRollberg getroffen und gemeinsam ein Theaterstück entwickelt haben. Gegenstand ihres theatralischen Dialoges sind die Stadt Bad Belzig und ihr Leben in dieser Stadt, sowie die Themen Demokratie, Mitbestimmung und Beteiligung.

Aufgrund der Corona-Pandemie musste das Theaterprojekt sein, für den 4. April 2020 geplantes, Theaterfest auf dem Bad Belziger Marktplatz absagen. Doch die Gruppe hat neue Wege gefunden, miteinander kreativ zu werden und so das Projekt weiterentwickelt. Entstanden ist ein Hörspaziergang, der mit Geschichten, Gedichten, Interviews und Textkollagen den entstandenen Dialog des Ensembles auf besondere Weise hör- und erlebbar macht.

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Seit dem vergangenen Wochenende kann dieser Hörspaziergang nun in Bad Belzig erlebt werden. Auf 10 Stationen können die Gäste nun Gedanken und Vorstellungen der Projektteilnehmer über das Smartphone hören. Entspannt und mit viel Abstand können Neugierige von 7 bis 99 Jahren den Gedanken, Geschichten und Erzählungen von Menschen aus Bad Belzig und Umgebung lauschen.

„Der Hörspaziergang ist eine Antwort auf die aktuellen Veränderungen, die unsere Gesellschaft erlebt“, erklärt Anne-Rebekka Düsterhöft, künstlerische Leitung des Projekts. Gerade in Corona Zeiten wurde die Demokratie oft in Frage gestellt. Die Dateien für den Spaziergang können vorab heruntergeladen werden. Am Bahnhof gibt es aber auch einen eigenen WLAN Zugang für das Projekt. An den Wochenenden ist auch immer jemand vom Projekt vor Ort, um technische Hilfe zu leisten. Auch entsprechende Geräte können gegen ein Pfand ausgeliehen werden.

Zur Orientierung auf dem Spaziergang sind Pfeile und Kopfhörerzeichen auf den Weg gesprüht. Der Spaziergang beginnt am Bahnhof, führt über die alter Fuhrwerksbrücke und die Postsäule bis zur Burg Eisenhardt. Über den Teich unterhalb der Burg geht es zum Marktplatz bis zur Kirche. Dort findet man eine interaktive Abschlussinstallation mit Texten, Aussagen, Kreativem. Zusätzlich kann man sich  einen kleinen Film ansehen. In diesem legen die Projektteilnehmer ihr Gedanken und Gefühle zum Thema Demokratie dar. Angefangen vom Thema Lieblingsorte bis hin zum Ankommen an einem Ort und auch Essen.

Auch Liane Düsterhöft lauschte interessiert den Worten der Teilnehmer im Film. Oft besucht sie ihre Tochter in Lütte, also auch die Region. „Aber eigentlich nie mit Geduld“ sagt sie, „man will immer ganz viel auf einmal erledigen.“ Man müsse aber einfach mal die Augen öffnen für das was einen umgibt, so die Seniorin. Einen Teil des Spaziergangs ist sie gelaufen, will sich aber zu Hause noch einmal in Ruhe alles anhören.

Auch Bürgermeister Roland Leisegang hat sich am Wochenende auf ein Teilstück des Hörspaziergangs begeben. „Sechs Stationen hab ich geschafft“, so der Rathauschef. Auch für ihn war es interessant, die Gedanken und Meinungen der Bürger zu hören. Nur die Führung durch die Pfeile hält er für ausbaufähig. „Ich kenne Bad Belzig und weiß sofort, in welche Richtung ich gehen muss“, sagt er. Ortsfremde hätten es da schwerer.

„Jeder hat sich schon einmal mit dem Thema Demokratie auseinandergesetzt“, so Pressesprecherin Anna Momburg, „aber es sollte nicht so sein, dass am Ende eine Definition des Wortes herauskommt.“ Die 15 Projektteilnehmer fügten Gedanken und Textfragmente zusammen, wie und wo sie Demokratie erleben. Dabei haben sie oft das Gefühl, an die große Politik nicht heranzukommen. Aber sie möchten mitbestimmen und wollen nicht, dass über sie als Bürger entschieden wird.

„Über viele Monate hinweg haben wir, persönlich sowie virtuell, mit Menschen aus Bad Belzig und der Region einen Dialog geführt über das Leben in dieser Stadt und über Themen wie Partizipation, Mitbestimmung und Demokratie. Entstanden sind Geschichten, Gedichte, Interviews und Textkollagen, die nun im Hörspaziergang zusammengeführt und für jeden hör- und erlebbar gemacht werden“, erzählt Anne-Rebekka Düsterhöft.

„Unser Ziel war und ist es, Menschen in den Dialog zu bringen, die sich sonst nicht treffen würden“, so Anna Momburg. Das hat gut funktioniert, denn die Gruppe besteht sowohl aus Erwachsenen und Kindern, aus Flüchtlingen, Zugezogenen und Alteingesessenen. In dem Projekt sollte gemeinsam etwas entwickelt werden und keine textlichen Vorgaben geben. In einem kleinen Buch ist eine Auswahl der einzelnen Gedanken festgehalten. So erzählt die Seniorin Ingrid über ihr Ankommen in Bad Belzig nach dem Krieg und ihr Leben in der DDR. Ein gleiches Gefühl haben heute auch die Flüchtlinge. Denn Ankommen ist für alle ein großes Wort und eine große Leistung. Viele haben Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Deshalb bietet dieses Projekt auch eine andere Ebene, Demokratie zu sehen und nicht einfach nur eine Definition auf Wikipedia zu lesen.

Der Titel des Projektes „Belzig geht an die Tischdecke“ entstand ebenfalls gemeinsam. Da während der Zusammenkünfte auch immer gegessen wurde, kam man auf diesen ungewöhnlichen Namen. Denn eigentlich sollte Essen auch thematisiert werden, als man die Zusammenkunft auf dem Marktplatz im April geplant hatte. Nun hat man sich vorerst auf das Digitale verlegt. Aber auch das wurde zu einem Erfolg. Man kann nur jedem Bürger und jedem Besucher empfehlen, sich auf diesem Spaziergang zu begeben.

Das Hörspiel kann kostenlos im Internet auf das eigene Smartphone oder den MP3-Player runtergeladen werden. Die Audio-Datei gibt es hier: www.belzig-geht-an-die-tischdecke.de

Wer neugierig auf den Hörspaziergang ist und kein geeignetes Gerät zum Abspielen parat hat, kann sich an den Wochenenden zwischen 12 und 18 Uhr ein Leihgerät mitsamt der Audiotour am Bahnhof ausleihen.

 

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