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Bad Belzig gedenkt der Befreiung der Stadt und des KZ-Außenlagers Roederhof

Bad Belzig. Vor nunmehr 81 Jahren wurde Bad Belzig durch mutige Bürger kampflos an die Sowjetarmee übergeben. Allen voran schritten der Lehrer Artur Krause und der Pfarrer Erich Tschetschog. Sie sind die Namensgeber der Krause-Tschetschog-Schule und Ehrenbürger der Stadt. Diese Entscheidung war lebensgefährlich, aber sie bewahrte die Stadt vor der Zerstörung. Gleichzeitig wurde auch die Befreiung des KZ-Außenlagers Roederhof eingeleitet.

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Robert Pulz, Helena Rens, Inge Richter v.r.

63 Frauen haben die Hölle überlebt. Die Grundsteine der Baracken im Grünen Grund sind heute noch zu sehen. Wie in jedem Jahr fand auch 2026 eine Gedenkveranstaltung, organisiert vom Förderverein Roederhof, statt. Zu den Teilnehmern gehörten neben Schülerinnen und Schüler der Bad Belziger Schulen und vielen Gästen auch Helena Rens aus Belgien. Sie kommt jedes Jahr, um ihrer Tante zu gedenken, die die Haftauswirkungen nicht überlebte.

„Erinnern ist kein Ritual, es ist eine Pflicht“, sagte Bürgermeister Robert Pulz in seinen Grußworten. Und das besonders in der heutigen Zeit. Zeitzeugen werden immer weniger, die Welt ist zerrissener denn je, und Kriege bestimmen den Alltag. Flucht und Vertreibung sind an der Tagesordnung, rechte Kräfte versuchen, die Demokratie zu unterdrücken. „Die Parallelen sind unübersehbar“, so Robert Pulz:

„Nie wieder ist kein Slogan, es ist ein Auftrag.“

Nach der Kranzniederlegung gab es eine berührende Feierstunde. Erstmals wurde das Häftlingslied vorgetragen. Die Noten dazu waren lange Zeit verschollen. Nach vielen Jahren hat Clara Draulans, eine der Überlebenden, die Melodie aus ihrer Erinnerung heraus wieder aufleben lassen. Ihr Sohn, Marcel Torfs, erzählte Inge Richter etwas über die Entstehung des Liedes:

„Die flämischen Häftlinge, darunter meine Mutter, haben dieses Lied im Lager in Belzig gesungen, geflüstert, gemurmelt – meist heimlich und leise. Dieses Lied haben nur die flämischen Frauen gesungen, die anderen Häftlinge hatten ihre eigenen Lieder. Vermutlich wurde dieser Text auf diese typisch französisch-belgische Melodie eines vorhandenen Volksliedes geschrieben. Die eigentliche Textdichterin ist nicht bekannt. Clara Draulans hat es aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Sie war eine der 63 Überlebenden. Sie hatte schwersten Typhus und wog nur noch knapp 32 Kilo. Sie erzählte: Morgens bekamen wir zum Frühstück einen Aufguss von Eicheln. Das Mittagessen bestand aus Wasser mit Stückchen von Rüben und Kümmelsamen. Manchmal gab es auch nur heißes Wasser mit Kümmel. Das Abendbrot bestand aus einem Achtel Brot. Die Frauen sangen sich mit dem Lied Mut an. Wir klammerten uns an die Werte wie Solidarität und Religion. Jeden Abend haben wir den Rosenkranz gebetet, alle, auch die Ungläubigen. Du darfst den Glauben an die Befreiung nie verlieren. Es ist das Einzige, was wir haben.“

Das Häftlingslied von Belzig

Ein Achtel von einem Brot
Sie kriegen uns nicht tot
Ein Löffel Marmelade
Das schmieren wir auf unser Brot.
Es ist zu wenig um zu leben
und zu viel um einzugehen.
Eltern lieb, ihr sollt darum nicht trauern,
denn der krieg wird nicht mehr so lange dauern.
Und wir sind geschworene Kameradinnen für immer
Und werden uns nicht verlassen, nie und nimmer.

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Der Chor singt das Häftlingslied

Das Häftlingslied von Belzig wurde von Julia Strehler, Dieter Halbach und anderen vorgetragen. Dabei sah man, wie Helena Rens mit den Tränen kämpfte. Das Gedicht „Stilles Gedenken“ in Deutsch vorgetragen von Katharina Dahms, trug noch einmal zu einem besonders emotionalen Moment bei. Julius Model rezitierte es ganz speziell für Helena Rens auf Flämisch.

Die diesjährige Rede hielt Wam Kat. Seit vielen Jahren lebt er in Bad Belzig und engagiert sich gegen Gewalt und Rechtsextremismus. Er ist Niederländer und Jude und hat Diskriminierung am eigenen Leib erlebt. In seinen Worten erzählte er vom 4. Mai in den Niederlanden. Das ist dort der Tag des nationalen Gedenkens an die Toten des Kriegs. Alle Fahnen wehen auf Halbmast und um 20 Uhr steht das öffentliche Leben für zwei Minuten still. „Zwei Minuten sind nicht viel ob der vielen Toten“, so Wam Kat. Jeder Kriegstote ist einer zu viel. Noch viel schwerer als diese Erinnerung ist es, den Tätern zu vergeben. In der Bibel steht zwar: Halte auch die andere Wange hin, aber so einfach ist das nicht. Auch wenn viele Täter bereits tot oder inzwischen so alt sind, dass eine Bestrafung keinen Sinn mehr macht, bedeutet das nicht, dass die Straftaten vergessen sind. Umso wichtiger sind solche Gedenkveranstaltungen, besonders für junge Menschen. Und auch Wam Kat bemerkt nicht nur in Deutschland, sondern auch in seinem Heimatland – da entwickelt sich etwas sehr Gefährliches, begünstigt durch die vielen Möglichkeiten in sozialen Medien. Und es gibt immer Menschen, die vergessen, was geschehen ist oder es vergessen wollen.

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