Bad Belzig: Woran wir uns erinnern wollen

Bad Belzig. „Woran wir uns erinnern wollen“, unter diesem Motto stand das Erzählcafe am vergangenen Donnerstag in der Marienkirche Bad Belzig. Gewidmet war es dem Mauerfall vor 30 Jahren. Die Aktion geht auf ein Projekt der Gesamtschule Treuenbrietzen zurück, bei dem Geschichten über Menschen in Erfahrung gebracht wurden, die im Alltag besonders mutig gehandelt haben. Daraus wurde nun ein neues Projekt, welches sich mit Recherchen über solche Handlungen nach der Wende beschäftigt.

Unterstützt wurden die Jugendlichen dabei von den Pädagogen Judith König, Benjamin Mache und Sven Gatter. Träger des Projektes ist das Diakonische Werk im Landkreis Potsdam-Mittelmark e.V., initiiert wurde es von Sven Gatter und Benjamin Mache. Bereits im Sommer hatten sich die Schüler bei einem Camp auf dem Sensthof in Reetz mit Zeitzeugen getroffen, ihnen zugehört und viele Fragen gestellt. Denn sie kennen die Ereignisse ja nur aus den Medien und von Erzählungen. Beim Erzählcafe präsentierten sie nun ihre Ergebnisse in Form von kleinen Filmen, die unter „Radio Courage“ auf YouTube angesehen werden können.

Besonders gefreut haben sich alle, dass zwei der Zeitzeugen den Weg in die Marienkirche gefunden haben. Ilse Wandel und Wilfried Westram gehören zu denjenigen, die sich zur Zeit des politischen Umbruchs in Treuenbrietzen engagiert haben. Zuvor gab es jedoch noch einmal einen kurzen Abriss der Ereignisse um den 9. November von Historikerin Kerstin Lorenz und eine Begrüßung von Bürgermeister Roland Leisegang. Auch er befürwortete, die junge Generation zu dem Thema mit heranzunehmen, denn man habe auch in unserer Region viele couragierte Menschen gehabt. „Ich bin froh, dass ich so einen historischen Umbruch miterleben durfte“, so Leisegang.

Für die Schüler waren die Gespräche mit den Zeitzeugen etwas ganz besonderes. „Man wollte gar nicht aufhören, zuzuhören, so spannend war das“ sagte Victoria Elise Heckendorf. Auch Christopher Gold war anfangs sehr gespannt, was auf ihn zukommt. „Ich konnte neues Wissen erlangen und meinen Horizont erweitern“, so der Schüler. Vor allem bekam er noch einmal eine andere Sichtweise auf die Ereignisse als die, welche von Eltern und Familie vermittelt wurden. Emily Stache fand es vor allem interessant, Leute kennenzulernen, die damals aktiv waren. Die drei waren aktiv am Projekt beteiligt.

Wilfried Westram hat alles, was vor 30 Jahren in der Presse stand, aber auch eigene Protokolle von Zusammenkünften, in einem Ordner gesammelt. Er dachte nicht, dass nach 30 Jahren jemand das alles noch einmal sehen will. Nun war er froh, alles aufgehoben zu haben. Wilfried Westram war damals seht aktiv und lebte nach dem Motto:

„Schlafen kannste später“.

Ihm hat es sehr viel Spaß gemacht, den Jugendlichen über diese Zeit zu erzählen. Immerhin dauerten die Gespräche mitunter  vier bis fünf Stunden.

Etwas emotionaler war alles für Ilse Wandel. Wenn sie heute an diese Zeit denkt, muss sie schon schlucken und sich die Tränen verkneifen. Aber damals hat sie einfach gemacht, was nötig war. „Ich war schon immer etwas aufmüpfig“, gesteht sie heute lächelnd. Auch heute bekommt sie noch Herzklopfen, wenn sie an die Zeit zurück denkt. Zumal es nicht ungefährlich war und die Familie immer Angst haben musste, dass Ilse Wandel verhaftet wird. Ziemlich deutlich machte sie ihre Einstellung bei den letzten Wahlen 1989. Sie weigerten sich hinzugehen, wurde schließlich von ihrem damaligen Chef mit dem Auto zum Wahllokal gefahren. Demonstrativ strich sie jeden einzelnen Namen auf der Kandidatenliste durch. „Es bewegt mich immer noch“, so Ilse Wandel, „ es ist schwer, jemandem die ganze Zeit emotional zu vermitteln, der damit nichts zu tun hatte.“

Natürlich hatten auch alle anderen Anwesenden ihre ureigensten Erinnerungen an die Zeit. Aber man brauche auch einen konkreten Rahmen, um darüber zu sprechen, so Sven Gatter. Dieser war an dem Abend gegeben. Die Gäste wurden aufgefordert, sich paarweise zu finden. Anschließens hatte jeder fünf Minuten Zeit, dem anderen seine Erlebnisse und Eindrücke zu schildern. Viel zu kurz, fand man im Nachhinein. Aber alle hielten es für ein interessantes Konzept, welches man durchaus wiederholen sollte, auch zu anderen Themen.

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