Chronistentreffen in Reetz

Reetz. Die Treffen der Chronistenvereinigung Potsdam-Mittelmark finden jedes Mal an einem anderen Ort statt. So erfahren die Mitglieder Interessantes und Wissenswertes aus den verschiedenen Dörfern und Städten des Landkreises. Am vergangenen Mittwoch hatten sie sich Reetz als Treffpunkt auserkoren. Dazu bot der Sensthof ideale Möglichkeiten. Geplant waren ein Rundgang über Land und Hof, eine Lesung mit John Shreve zu seinem neuen Buch über den Nationalsozialismus im ehemaligen Kreis Zauch-Belzig und ein Rundgang durch das Dorf mit seinen historischen Stätten.

Auch der Sensthof ist schon ein historisches Gebäude, immerhin wurde er schon 1906 erbaut. Auf dem Vierseithof wurde seit jeher Vieh gehalten und auf dem angrenzenden Land Ackerbau betrieben, erzählte der jetzige Besitzer Dieter Wankmüller. Dieser er warb Hof und Land mit einer Vision vom gemeinsamen Leben im Alter, von der er jedoch bald abrückte. So entstand ein Ökozentrum. Dort finden Vorträge und Veranstaltungen zum Thema Ökologische Landwirtschaft statt, Schulklassen aus Berlin machen dort ein ökologisches Praktikum.

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Aber auch für andere Veranstaltungen steht der Hof offen. Höhepunkt war immer das musikalische Festival „Reetzival“, auf dem sich junge Musiker präsentieren konnten. Ob es in diesem Jahr stattfinden wird, steht noch nicht fest.

Die Chronisten ließen sich von Dieter Wankmüller das OELALA – Land zeigen. OELALA ist der geründete Verein für ökologischen Landbau, der sich um ökologische Bildung, Acker und Wiesen kümmert. Aber auch die Geschichte der früheren Besitzer interessiert, fließt sie doch teilweise in das neue Buch von John Shreve ein, in dem dieser sich mit dem Nationalsozialismus in Bereich Zauch-Belzig beschäftigt. Erste Ergebnisse stellte er den Chronisten vor.

Viele Recherchen in den unterschiedlichsten Archiven waren dafür nötig, gleichzeitig viele Gespräche mit Zeitzeugen und Nachkommen. Das war nicht einfach, erzählte John Shreve. Viele Zeitzeugen leben nicht mehr, die Nachkommen kennen nur deren Erzählungen. So hörte John Shreve manche Begebenheiten mehrmals in einer völlig anderen Form. „Das kann man dann natürlich nicht verwenden“, so Shreve. Oft musste er feststellen, dass gerade aus den Jahren der Nazizeit diese Unterlagen in den Archiven fehlen.

Aber Berichte aus den damaligen Lokalzeitungen waren für seine Arbeit durchaus hilfreich. So kamen doch einige überraschende Tatsachen ans Tageslicht, was die Nazizeit hier betrifft. So war die Reetzer Schule das erste öffentliche Gebäude im Kreis, auf dem die Hakenkreuzfahne gehisst wurde. Die anschließende Diskussion über das Vorgetragene warf vor allem eine Frage auf:

Hätte man das alles verhindern können?

Dabei begaben sich die Chronisten sozusagen ein bisschen auf die Suche nach Ursachen, warum es überhaupt so weit kommen konnte. Und fanden diese ihrer Meinung nach schon im deutschen Kaiserreich. „Heinrich Manns Buch „Der Untertan“, beschreibt die damalige Situation sehr gut“, so Gabriele Eissenberger. Sie sieht den Untertanengeist der Bevölkerung als eine der Mitursachen, dass ein Großteil der Bevölkerung Hitler so bedingungslos folgte.

Man darf also gespannt sein auf das Buch von John Shreve. Wann es genau erscheinen wird, steht noch nicht fest. Dafür hat der Heimatverein Glindow ein neues Buch herausgegeben. Darin geht es um Erlebnisse der Einwohner in den ersten zehn Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Dieses kann telefonisch unter 03327 – 731990, 44820, 43363 und 40030 bestellt werden, es kostet 10 Euro. Ein Verkauf findet am 17. Mai von 11 bis 15 Uhr vor der Tür des Heimatmuseums statt (das ist im Moment noch geschlossen), sowie jeden ersten Sonntag des Monats von 11 bis 15 Uhr – natürlich unter Einhaltung der Maskenpflicht.

Der Nachmittag gehörte ganz Reetz. Eva Loth, Vorsitzende des Dorfvereins, führte die Chronisten zum ehemaligen Schloss Mahlsdorf. Das interessierte alle am meisten. Wer das Gebäude nicht kannte, war erst einmal schockiert, denn mit einem Schloss hat es überhaupt nichts mehr zu tun. Derzeit im Privatbesitz verfällt das ehemalige Kinderheim, zu dem das Schloss gleich nach dem Krieg umgebaut und genutzt wurde, immer mehr, der einst schöne Gutspark ist völlig verwildert. Lediglich die alten Platanen zeugen noch von seiner ehemaligen Schönheit. Im neuen Heimatkalender der Chronistenvereinigung wird es einen Beitrag zur Geschichte des Gutshauses geben, welches für die Reetzer immer nur Schloss Mahlsdorf war.

Interessant fanden die Chronisten auch die Reetzer Kirche. Vor allem die Größe beeindruckte, denn die Kirche hat 2 Emporen und eine sehr große Orgel. John Shreve machte einige Ausführungen zum Kriegerdenkmal. Für die Gefallenen des ersten Weltkrieges steht es auf dem Kirchhof, für die des zweiten Weltkrieges sind Tafeln im Eingangsbereich der Kirche angebracht. AN diesen „Ehrungen“ scheiden sich die Geister. Auch wenn die Symbole der Nazizeit entfernt wurden, auch diese Soldaten haben vor ihrem Tod auf andere geschossen, so die Meinung von Gabriele Eissenberger. Sie würde sich an solchen Stätten zumindest eine Inschrift wie: Die Toten mahnen uns wünschen.

Als letzte Station besuchten die Chronisten die kleine Heimatstube, die mit Fördermitteln der LAG eingerichtet wurde. Derzeit befindet sich dort eine kleine Ausstellung über den früheren Reetzer Schulalltag, in die auch wieder das Kinderheim Mahlsdorf mit einfließt. Diese kann nach Vorabsprache mit dem Dorfverein natürlich auch besichtigt werden. Interessenten können sich bei Eva Loth unter 033849-50664 melden.

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