Die Kampfgruppenschule in Schmerwitz

Schmerwitz. Etwas Geheimnisvolles war schon an Schmerwitz, zunehmend von den 60er Jahren an bis zur Wende. Ein Teil des kleinen Ortes war ohne Erlaubnis nicht zugänglich. Ein verschwommenes Luftbild zeigt neben Dorf und Gutsanlagen einen großen schwarzen Fleck. Andererseits gab es im ganzen Land DDR, in jeder Stadt, auf dem Lande, in allen größeren Betrieben, im Zentrum und an der Peripherie Menschen, die Schmerwitz kannten. Kaum ein vergleichbares Dorf hatte diesen Bekanntheitsgrad.

Gehen wir einmal zurück in die Zeit, als Schmerwitz noch weitgehend zugänglich, aber längst nicht so bekannt war:

Landesparteischule

Das 1945 enteignete Rittergut und Schloss Schmerwitz ging über in den Besitz der KPD – „für agrarpolitische und Schulungszwecke“, wie es aus den Unterlagen aus der Zeit nach dem Kriegsende heißt. Unterschiedlichsten Schulungszwecken, wenn auch am wenigsten agrarpolitischen, hat seit dieser Zeit das Schloss gedient. Das Gut nahm, spätestens seit es im Juli 1949 in Volkseigentum überführt worden war, eine mehr oder weniger eigenständige Entwicklung. In den Akten aus dieser Zeit finden sich wechselnde Bezeichnungen für die Schule. So liefen die ersten Kurse in der „Landesparteischule der KPD – Land Brandenburg“. Ein Personalvertrag vom 01. Juli 1947 trägt Stempel mit der Bezeichnung „Institut für Soziologie und Politik der S.E.D./Provinzialverband Mark Brandenburg/Schmerwitz“. In den Akten aus dem Anfang der fünfziger Jahre kommt die Bezeichnung „Landesparteischule“ auch „Landparteischule Ernst Thälmann“ vor. Fakt ist, und es gibt noch Leute, die das genau wissen, dass hier Funktionäre der westdeutschen KPD geschult wurden. Max Reimann und Jupp Angenfurt sind als Referenten in Erinnerung. Die KPD-Schule wurde im Laufe des Jahres 1957 aufgelöst.

Zentralschule der Kampfgruppen

Die Auffahrt zum Gelände der ehemaligen Kampfgruppenschule.

Am 10. Mai 1957 wurde dass die „Zentralschule für Kampfgruppen (ZSfK)” ins Leben gerufen, die bis zum 10. Jahrestag ihrer Gründung, 1967, den Namen „Ernst Thälmann“ erhielt. Betriebskampfgruppen, bewaffnete Formationen von Betriebsangehörigen, waren nach dem 17. Juni 1953 gebildet worden. Sie unterstanden auf allen Ebenen – Land, Bezirk, Kreis und Betrieb – den jeweiligen Leitungen der SED. Ausbildung und Ausstattung – „die materielle, technische und medizinische Sicherstellung“ – wie es in den entsprechenden Formulierungen heißt, oblagen der Deutschen Volkspolizei. Es bestand also ein doppeltes Unterstellungsverhältnis, das auch für die Schmerwitzer Einrichtung galt. So erklärt sich die anfängliche Bezeichnung „Zentralschule der deutschen Volkspolizei“.

Lehrer und Ausbilder in Schmerwitz waren Offiziere der Volkspolizei. Der Leiter und seine Stellvertreter, Fachgebietsleiter und Lehrer sowie ein Teil des Verwaltungs- und Wirtschaftspersonals hatten, zunehmend ab Mitte der siebziger Jahre, Hoch- bzw. Fachschulausbildung. Es waren ungefähr 150 Volkspolizeiangehörige und Zivilbeschäftigte in der ZSfK tätig. Die Schüler waren Kampfgruppenkommandeure der verschiedenen Ebenen – von Bataillonen, Hundertschaften und auch kleineren Spezialeinheiten – und solche, die es werden sollten. Im zivilen Leben hatten sie ganz unterschiedlichen Status – Arbeiter, Verwaltungsangestellte, Wissenschaftler, Bauern. Hinzu kamen Ausländer, besonders aus afrikanischen Ländern. Die Lehrgänge dauerten zwischen 4 und 20 Wochen. Im Jahr durchliefen etwa 800 Lehrgangsteilnehmer die Schule. Militärpolitik, Taktik mit Übungen im Gelände, Schießen sowie Spezialausbildung waren die Unterrichtsfächer.

Die Schule war seit Mitte der siebziger Jahre gut ausgestattet. Ein den Ausbildungsanforderungen entsprechender Bestand an Fahrzeugen und Waffen, Büchern, Lehrmitteln und sonstigen Materialien war vorhanden. Seminarräume und Vorlesungssäle, Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen sowie die Unterkünfte hatten einen guten Standard: Zwei Kinoanlagen, Übungsräume mit Monitoren, Lehrkabinette, Kulturräume, Sporthalle und Außensportanlagen sind zu erwähnen. Räumlichkeiten für die Schulleitung sowie das Lehr- und Verwaltungspersonal bot das Schloss. In den frühen fünfziger Jahren waren die Schülerhäuser und das Aulagebäude mit dem größten Saal im Kreis Belzig, etwas später das Wirtschaftsgebäude mit Speisesaal und Heizhaus hinzu gebaut worden. Ein Bettenhaus, das Lehrgebäude mit Konferenzsaal, ein weiteres Bettenhaus sowie der Kraftfahrzeugpark, die medizinische Einrichtung, Druckerei, Werkstatt und eine weitere Kfz-Halle folgten nach und nach.

Wie in anderen vergleichbaren Einrichtungen wurde auch in der Zentralschule für Kampfgruppen die Tradition gepflegt, ein entsprechendes Kabinett eingerichtet und eine Chronik erarbeitet worden. Sie umfasste nach Aussage eines der damit Beauftragten fünf Bände und war mit hohem Aufwand „im Stil der Zeit“ gestaltet. Die Schulchronik wurde bis 1989 geführt und ist im Frühjahr 1990 an die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei in Potsdam übergeben worden. Sicher ist sie in einem zentralen Archiv verwahrt und so interessierten Historikern zugänglich. Sie könnte heute mit vertretbarem Aufwand nicht mehr zusammengestellt werden; die Kampfprogramme, Aufgabenstellungen, Auszeichnungen und Ergebnisberichte sowie Bildmaterialien, die dort enthalten sind, wären nur sehr schwer oder gar nicht aufzutreiben.

Es ist einleuchtend, das eine solche Einrichtung durch Kontrollen, Zäune und anderes mehr abgeschirmt war. Die meisten Mitarbeiter des ZSfK wohnten allerdings in dienststelleneigenen Wohnungen im Dorf. Sie stellten in Schmerwitz einen beträchtlichen Teil der Einwohner und in der Gemeinde eine beträchtliche Größe dar. So waren von den 30 Kandidaten für die Gemeindevertretung bei den Wahlen im Mai 1989 acht Mitarbeiter der Kampfgruppenschule.

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Der berankte Pavillon.

Personal und Lehrgangsteilnehmer habe in der Gemeinde darüber hinaus vielfältig zum öffentlichen Nutzen gewirkt. Sie halfen beim Bau von Kegelbahn und Bushaltestelle, Kaufladen, Kindereinrichtungen und Gaststätte, legten Gehwege an und trugen im Zusammenwirken mit dem VEG und seinen Mitarbeitern zum Gelingen zahlreicher Sport-, Volks- und Erntefeste bei. Medizinische Notversorgung auch in der Bevölkerung war im „Med.-Punkt“ möglich. Filmvorführungen, Konzerte und andere Kulturveranstaltungen waren für alle zugänglich. Außerdem wurden jährlich 240 Blutkonserven zusätzlich gespendet. Diese „Öffnungspolitik“ ist ab Anfang der 80er Jahre zunehmend eingeschränkt worden und es mehrten sich – zurückhaltend formuliert – Vorbehalte gegenüber der Schule. Eine Ausnahme bildeten hier die umfangreichen Betreuungsleistungen von Angehörigen der ZSfK auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendsports. Dennoch, Spannungen unter den Einwohnern sind nicht wegzureden.

Wendezeit

Schloss, Schmerwitz
Derzeit gibt es Bewegung bei der Sanierung des Schlosses.

Im Herbst 1989 wurden auf Befehl des Ministeriums der Innern der DDR die Lehrgänge abgebrochen. Das Gros der Akten und Lehrmaterialien wurde archiviert und an das Ministerium des Innern übergeben, die Militärtechnik an die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei überführt. Ein Teil der Angestellten wurden zunächst „in der Produktion“ eingesetzt – in der Wiesenburger Brauerei und im Drahtwerk sowie in der Belziger Kleinlederwarenfabrik zum Beispiel. Mit dem 30. Juni 1990 hat die Zentralschule für Kampfgruppen „Ernst Thälmann“ aufgehört zu existieren.

Grundlagen für diese Aufzeichnungen waren Gespräche mit ehemaligen Lehrern und Zivilbeschäftigten des ZSfK und Zeitungsartikel. Die Fotos stellte G. Stahr, Schmerwitz, für die Chronik zur Verfügung.

Am 6. März 1990 gründeten Mitarbeiter der Zentralschule für Kampfgruppen die Fläming Service Betriebsgesellschaft mbH als Betreiber eines Seminar- und Tagungszentrums. Genutzt wurden dazu über einen Pachtvertrag Anlagen und Einrichtungen der ehemaligen Kampfgruppenschule. Wichtigster Grund, diesen Betrieb zu schaffen, war, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Anfangs konnten etwa 90 Arbeitsplätze geschaffen werden. Alles weitere ist eine neue Geschichte.

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