Rädigke blickt mit Arthur in die Zukunft

Jury im Landeswettbewerb “Unser Dorf hat Zukunft” hat Kreissieger 2017/18 besucht

Arthur ist die Zukunft von Rädigke! Der kleine Bursche aus dem Hause Moritz lebt im schönsten Dorf des Kreises Potsdam-Mittelmark (neben Dippmannsdorf) und gehört zu den 24 Kindern wie zum Beispiel Richard, Emely, Frieda, Anton und Nele, die irgendwann im 155 Einwohner zählenden Ort den Ton angeben werden. Jetzt spielen Arthur und Co. noch gern in der Natur, klettern auf Bäumen, toben auf dem Spielplatz – neumodisch “Platz für alle” genannt -,  erkunden die Findlinge, die einen Kinderlesesteinweg markieren, schauen am Tiergehege den uralten Mufflons beim Fressen zu oder hören in der Fläming-Bibliothek bei Anke und Manuela das eine oder andere Hörbuch.

Eigentlich ist der “Zukunfts-Junge” Arthur jeden Tag beschäftigt, weil er die Kita in Niemegk besucht. Nur am Montag war er zufällig krank. Und so war es ihm möglich, der gewichtigen Delegation im Dorf einen Besuch abzustatten. Arthur rollte mit seinem Laufrad auf die Damen und Herren zu, die darüber entscheiden wollen, ob das Dorf des Kleinen Zukunft im Land Brandenburg hat oder nicht. Dabei hat Arthur längst seine Entscheidung getroffen – Rädigke ist die Zukunft! Da waren für den Steppke die Gummibärchen von Jurymitglied Eveline Vogel eher eine süße Verführung, als eine Bestechung.

Bernd Fredrich, der Doktor von Rädigke, hat die Landesbewertungskommission unter Leitung von Tobias Wiemand – dabei etwas schelmisch Eveline Vogel als “Landrätin” bezeichnend – aufs Herzlichste im ältesten und nahezu kleinsten Dorf des Flämings begrüßt. Wiemand vertritt im 10. Dorfwettbewerb das federführenden Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, das mit Vertretern des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege, des Städte- und Gemeindebundes Brandenburg, des Landesbauernverbandes und des Gartenbauverbandes Brandenburg, des Brandenburger Landfrauenverbandes und der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH an sieben Tagen die 17 Sieger in den Kreisen aufsuchen, um den Landessieger zu ermitteln.  Dabei trafen die Juroren auf einen alten Hasen im Kreiswettbewerb. Von den Siegen zeugen: im Jahr 2011 eine Bank, im 2014 eine Zeltgarnitur und vom letzten Erfolg wird wieder eine Bank erwartet.

Bekannt redegewandt hat Bernd Fredrich als “Reiseleiter” zunächst im Telegrammstil einem zusammenfassenden Überblick über das Naturparkdorf gegeben, über das Arthur auf 14 DIN-A-Seiten einen Aufsatz für die Gäste verfasst haben soll. Naja, wer`s glaubt! Fredrich machte von Anfang an Tempo, um in der vorgegebenen Präsentationszeit von 150 Minuten ja keine Zeit zu verplempern.

So blieb “Ölbaron” Florian Schulze von der Hoher Fläming eG nur einige Minuten, um den Gästen von Ackerbau und Viehzucht zu berichten, von den Solaranlagen, der Biogasanlage und dem modernen Blockheizkraftwerk, das Gewerberäume und sechs Wohnhäuser mit Nahwärme versorgt. Das alles brachte zum Beispiel den vom Landkreis ausgelobten Innovationspreis für erneuerbare Energien ein. Die Ölmühle und das preisgekrönte Raps-Sanddorn-Öl haben Rädigke längst als “Ölquelle” im Fläming bekannt gemacht. Schulzes anschließender “Bestechungsversuch”, Tüten voller Öl zu verschenken, fruchtete bei den Juroren freilich nicht!

Der Reiseleiter zeigte zunächst Rädigkes jüngstes Wohnquartier in der Werderstraße und trieb die Gäste ob der Zeitnot regelrecht durch Dorf. “Nicht stehen bleiben! Wir müssen was schaffen!”, war Fredrichs Tagesdevise. Da blieb manchmal nur wenig Zeit für Notizen und Fotos. Der in 880 Subbotnik-Stunden geschaffene Gehweg, die gepflanzen Bäume, die gepflegten Vorgärten und Häuser zogen nur so an allen vorbei. Schnell ein Blick in Knabes Stellmacherei,  vorbei an Lavendel-Rabatten und an Findlingen, die den Lesesteinweg markieren und Bernd Fredrichs begnadete Gabe des Rezitierens herausforderte.

Auf Dornbergers Hof schilderte Ruth Neumeister eindrucksvoll, wie aus einer verlassenen Ruine ein lebens- und liebenswertes Idyll geworden ist. Hier hat Ingrid Löbel sogar eine Seifen-Manufaktur etabliert. Von hier wird im Hildesheimer Dom Rosen-Seife verkauft. Ökumene versteht sich, wertete Atheist Fredrich, Seife aus dem evangelischen Brandenburg für den katholischen Dom!

Während der Dorfbegehung kamen auch die Grundstücke zur Sprache, die noch Sorgenkinder sind, wie zum Beispiel in der Nachbarschaft des Gasthofes. Gegenüber, am Pfarrhaus, “lauerte” schon Matthias Stephan. Der Geistliche weiß freilich um 95 Atheisten

im Dorf (z.B. der Reiseleiter) und führte Gäste lieber selbst in die schmucke Kirche, das älteste Gebäude in Rädigke. Der Feldsteinbau war während des 30-jährigen Krieges abgebrannt und danach wieder aufgebaut worden. Schon damals, so Pfarrer Stephan, wussten die Leute, ein Dorf braucht eine Kirche. Das ist heutzutage nicht anders. Zur Sanierung der Kirche wurde zu sieben Subbotniks gerufen, jeweils 20 Einwohner kamen. Heute ist das Gotteshaus ein Schmuckstück mit einzigartiger Apsis, von der sich ein jeder einen Stern im Himmel kaufen kann.

  Wenig später stellte Ortsvorsteher Siegfried Siggi Frenzel den “Platz für alle” vor, der ebenfalls in 560 Subbotnik-Stunden geschaffen wurde. Tanja Stephan wusste gar um 31 Kinder und Jugendliche sowie 10 Enkelkinder, die sich dort tummeln und auch am Kinder-Lesesteinweg beteiligt waren. Es folgte der Anger, auf dem unterm Pfingstbaum “Rock in Rädigke” u.a. mit der örtlichen Rocklady “Lore-en” Fredrich stattfindet. Nicht zu verwechseln mit Schwester Mandy Fredrich, die als böse “Königin der Nacht” an großen Opernhäusern auftritt und Onkel Bernd Fredrich zuweilen bei Premieren Rosen der Verehrung auf die Bühne wirft.

Am Anger hat  auch die Freiwillige Feuerwehr Rädigke ihr Domizil. Dana Mittelhaus stellte sie als “Familienbetrieb”, dem 27 Mitglieder – davon 6 Frauen- angehören. Fünf Jugendliche des Ortes traineren mit den Rabenern. Daß die Kameraden auch selbst für Nachwuchs sorgen, dafür stand Ronny Gotthard mit dem Kinderwagen parat. Es war zugleich sein erster Tag im Erziehungsurlaub, um Tochter Johanna zu umsorgen.

Die Bewertungskommission machte weitere Stationen auf dem idyllischen “Loths Hof” von Jutta Köthe, verweilte kurz am Mufflon-Gehege und erfuhr, warum mit Hilfe des Landkreises eine Bushaltestelle in Rente geschickt wurde. Mit dem bekannten Maler Franz Ackermann hat Rädigke auch einen Professor. Ehefrau Agnes Wegener gewährte einen Blick ins Haus dessen Künstlers, der sich mit großen, stark farbigen Bildern einen Namen in der Welt gemacht hat. “Die sind Schweine teuer”, warf Reiseleiter Fredrich scherzend ein, um schon bald wieder zu rezitieren und das Niveau in der Runde zu heben.

Auf der vorletzten Station erklärte Bernd Moritz seinen Gasthof Moritz, der so historisch wie gastfreundlich ist und als Bibliotheks-Gasthof einmalig in Deutschland ist. Steffen Gommel skizzierte als “Herr der Bücher” die Erfolgsgeschichte der Fläming-Bibliothek, die ständig 4000 Bücher zur kostenlosen Ausleihe anbietet. 900 Leser haben ständig rund 1500 Bücher aus Rädigke in den Händen. “Die Lesungen sind immer ausverkauft. Es ist ein lebendiger Ort seit elf Jahren”, sagte Steffen Gommel über die Bibliothek mit den längsten Öffnungszeiten, nämlich solange wie im Gastraum das Bier aus dem Schankhahn läuft.

Doris und Bernd Moritz bewirteten die Gäste bodenständig mit Kartoffelsuppe und Bockwurst, Klemmkuchen wie aus Urgroßmutters Zeiten und einen selbst angesetzten Kalmus-Likör.  Unterdessen bereitete sich Arthur – die Symbolfigur für die Zukunft in Rädigke – auf den Kindergarten vor. Und Reiseleiter Bernd Fredrich verabschiedete sich von der Jury mit einem Zitat von Wilhelm Busch:

Es ist halt schön,
Wenn wir die Freunde kommen sehn. –
Schön ist es ferner, wenn sie bleiben
Und sich mit uns die Zeit vertreiben. –
Doch wenn sie schließlich wieder gehn,
Ist’s auch recht schön. –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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