Fläming Talk neu aufgelegt als Online Angebot

Wiesenburg. Das Medienkompetenzprojekt ‘Wir zu Lande‘ und Mal‘s Scheune luden zum ersten FLÄMING TALK 2021 ein. Am 21. Januar um 18.30 Uhr wurde die regionale Talkshow aus Mal’s Scheune – Studio Wiesenburg übertragen. Aufgrund der aktuellen Situation wurde der FLÄMING TALK digital über den Fläming Kanal gestreamt und steht jetzt auf der Video-Plattform YouTube zum Anschauen sowie als Podcast zum Anhören zur Verfügung.

Zu Gast waren Silvia Hennig, Gründerin und Geschäftsführerin von neuland21, und Imo Kelm, Betreiber des Restaurants und Cafés „Haus am See“ in Bad Belzig.

Im Gespräch mit Moderatorin Gerlinde Kempendorff (Betreiberin Kleinkunstwerks Bad Belzig und selbst ehemaliger Gast) und Moderator Philipp Kiekels erzählten sie unter anderem darüber, wie sie aus Fläming und Brandenburg in die weite Welt zogen, um dann wieder in ihre Heimat zurückzukehren und dort ihre Unternehmen zu gründen und anzusiedeln.

 Silvia Hennig

Der Name Silvia Hennig ist einerseits für viele ein Aufreger, für andere Vorreiter für die Entwicklung im ländlichen Raum, dritte wiederum kennen sie gar nicht. Schon allein deshalb sollte sie im Gespräch klären, was Sie hier eigentlich tut.

Silvia Hennig stammt aus Kloster Lehnin, machte in der Region ihr Abitur und verließ dann Brandenburg für ein Studium. Ein Praktikum absolvierte sie in Brüssel und ging nach einigen Berufsjahren nach Boston, um dort an der berühmten Harvard Universität zu studieren.

Aber immer hatte sie Hatte Heimweh nach Brandenburg. Als sie für ihr Studium Brandenburg verlassen hat, merkte sie deutlich, dass sie anders aufgewachsen ist. Einen richtigen  Kulturschock bekam sie in den USA. „Da fühlt man sich als Europäer“, sagte sie. Nachsieben Jahren im Ausland, wollte Silvia Hennig zurück nach Hause – und das war eben Brandenburg und Kloster Lehnin.

In den USA war es ihr zweites Studium. Silvia Hennig hatte vorher schon fünf Jahre in der Politik gearbeitet. „Da stand dann die Überlegung an, wenn ich da weiter arbeiten will, kann ich nicht mit meinem Magister in Literaturwissenschaften ankommen, die schicken mich wieder weg“, erklärte sie, „ da muss ich wohl Politikwissenschaft studieren.“ Denn in Deutschland wird erst einmal gefragt: Kann die das überhaupt? Aber so berufsorientiert studieren kann man in Europa nicht wirklich gut, so richtig praxisorientiert kam da nur Harvard in Frage. Die Deutsche Studienstiftung hat sogar ein Stipendienprogramm für junge Leute, die in Harvard studieren wollen. Silvia Hennig hat früh einen gewissen Ehrgeiz in sich entdeckt – das  hat sich weiter entwickelt, das Ergebnis war mehr Zufall, kein unbedingtes Lebensziel. Als einzige ging sie so weit weg aus ihrem Freundeskreis.

„Ich weiß nicht, ob ich jetzt glücklicher bin als alte Schulfreunde, aber stückweit ist es auch eine soziale Leiter, die man klettert- aber man soll sich davon nicht beeinflussen lassen, sondern eigenen Weg gehen“, sagt sie im Nachhinein.

Silvia Hennig Beschäftigt sich viel mit Innovation und Digitalisierung. Da sei Deutschland weit zurück, ist ihre Meinung. Und sie spricht aus eigener Erfahrung. Durch ihre Fernbeziehung – ihr Partner ist derzeit in Ruanda – stellte sie fest, dass  dort mobiles Internet viel besser ist als bei uns. „Wir sind also schlechter angebunden, als der Regenwald in Ruanda und im Kongo“, sagte sie schmunzelnd.

Warum ist nun die Digitalisierung so wichtig?

Es ging Silvia Hennig darum, dass auch in Brandenburg was voran geht.“ Man hatte immer Eindruck, dass man in zehn Jahren das Licht ausmacht, wenn der letzte weg ist“, meinte sie bezugnehmend darauf, dass immer mehr junge Leute das Land verlassen haben. Jetzt wird offensichtlich, dass viele Leute wieder zurück wollen, aber schlechtes Internet, die ärztliche Versorgung und auch mangelnder ÖPNV haben sie bisher davon abgehalten. Warum also gibt es nur in der Stadt Angebote, die nur einen Mausklick entfernt sind? Auf dem Land fehlt die notwendige Infrastruktur.

Derzeit ist Aufregung sehr groß wegen 5G, wie kann man mit Bürgern entsprechend kommunizieren? Diese Frage beschäftigt auch Silvia Hennig. „Manche Leute wird man nicht überzeugen“, so Hennig. „Aber ohne die Digitalisierung  kriegt man dann auch nicht die jungen Leute, die von hier aus arbeiten wollen“. Die meisten nutzen aber schon viel mehr Internet, als ihnen klar ist. Vielleicht brauchen wir jetzt noch kein 5G, in zehn Jahren brauchen wir es bestimmt. Gerade jetzt in Corona Zeiten macht sich der schlechte Netzausbau bemerkbar für das Home Office, damit man ortsunabhängig arbeiten kann. Das ist eine enorme Chance für ländliche Regionen, man müsste nicht mehr so viel pendeln.

Aber man muss alle mitnehmen auf diesem Weg, besonders die älteren Menschen, die nicht so firm im Umgang mit der modernen Technik sind. Fahrkarten nur noch per Handy kaufen zu können sei im Moment keine Option, so Silvia Hennig. Deshalb ist bei der Digitalisierung eine enge Zusammenarbeit mit allen Betroffenen wichtig und nötig. Die Überbrückungsphase in die Moderne wird sicher noch bis zu 30 Jahre dauern und auch dann wird es immer noch Leute geben, die das nicht nutzen wollen. Man muss darauf achten, dass es dann noch die Freiheit  gibt, sich zu entscheiden.

Im Fläming wurde schon viel gemacht, viele Ideen entwickelt, jetzt wurden auch Fördermittel in die Region geholt.

Nun muss man sich zusammensetzten, feststellen, worum geht es, was fehlt uns. Viele sind mit der Lebensqualität zufrieden. Jedoch muss man sich für jeden Gang ins Auto setzen. Die Frage ist jetzt: Wie kann man diese Abhängigkeit reduzieren? Da müssen sich Stadt und Land stärker zusammendenken. Wer in die Stadt zum Arbeiten fährt, hat oft keinen kein ÖPNV vor der Tür. Durch Digitalisierung könnte man z.B. Mitfahrgelegenheiten buchen.

„Technik ist Mittel zum Zweck, damit das Leben vor Ort besser wird. Jeder muss für sich entdecken, was ihm Spaß macht und was er braucht“, so Silvia Hennig. Mit dem gemeinnützigen Verein Neuland 21 ist Silvia Hennig nicht nur im Fläming aktiv, sondern in ganz Deutschland. Man könne aber Strukturen nicht einfach von der Stadt aufs Land übertragen.

So bietet Neuland 21 Mitmachformate an. Wenn Corona vorbei ist, wird alles auch vor Ort sein. Derzeit sei man auf der Suche nach Räumlichkeiten für die Anlaufstelle, in der sich die Bürger informieren und einbringen können. Seitens der Verwaltungen werden neue Stellen geschaffen, so dass für die Bevölkerung  Ansprechpartner zur Verfügung stehen, denn die Menschen möchten, dass man mit ihnen redet.

Verschiedene Worte und Anglizismen sind derzeit Aufreger im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Dazu gehören Begriff wie Labor, bei dem sich die Menschen fragen: Sind wir nun Ratten oder Versuchskaninchen? Die Begriffe kommen oft von Stellen, die die Fördermittel geben, erläutert Silvia Hennig. Vielleicht sollte man mal Leute fragen, wie sie es gern nennen würden, schlägt sie vor. Vielleicht hat jemand zündende Ideen. Die darf und soll er gern mitteilen.

In den nächsten Jahren wird eine  Digitalisierungsstrategie entstehen mit Workshops, Gesprächen und verschiedenen Arbeitsgruppen, da kann sich jeder einbringen und auch jetzt schon anfragen, wenn er sich beteiligen möchte.

Imo Kelm – Haus am See

Kochen bedeutet für mich Spaß und Satt, so fasst Imo Kelm seine Leidenschaft und seinen Beruf zusammen. Im Sommer dieses Jahres führt er das Haus am See in Bad Belzig seit vier Jahren. Es ist ein Familienunternehmen, mit Ehefrau und Schwiegermutter arbeitet er gemeinsam. Mit der kleinen Gaststätte hat er sich einen Traum erfüllt. Dabei war Koch zu werden ursprünglich nicht seine erste Wahl. Imo Kelm wollte Tischler werden. Er machte ein Praktikum.“ Aber irgendwann hatte ich Hunger, also hab ich angefangen, mir was zu kochen“, erzählte er. Er wälzte alte Kochbücher von Oma, und seine Schwester musste probieren. Nach und nach dachte er immer wieder: das kannst du besser, und so entstand die Begeisterung fürsKkulinarische. Der Knackpunkt war tatsächlich der Hunger während des Praktikums. Und die Herausforderung, aus dem etwas zu machen, was noch im Kühlschrank ist.

Man sollte erst mal raus aus Region, um so viel wie möglich Erfahrungen zu sammeln. Diese Meinung vertritt Imo Kelm auch heute noch. Er selbst ist nach München gegangen, hat dort viel gelernt und erinnert sich auch heute noch beim Kochen, wie es seine damaligen Lehrmeister gemacht haben. „Aber man braucht auch den Freundeskreis“, so Imo Kelm. Und obwohl er viel aus München mitgenommen hat, zog es ihn zurück in seine Heimat. Sehr geprägt hat ihn Hans-Joachim Kalkofen, früher Chefkoch der Springbachmühle. Bei ihm hat Imo Kelm seine Ausbildung abgeschlossen. Vor einiger Zeit hat er seinen ehemaligen Ausbilder besucht, der damals noch für die Lehrlinge vor Ort war, obwohl schon in Rente. Man umarmte sich, und Hans-Joachim Kalkofen sagte zu ihm:

„Ich hätte nie gedacht, dass du mal deinen eigenen Laden aufmachst“.

Das konnte Imo Kelm nur erwidern:

„Wenn Du zu Deinem Meister gehst, ist es, wie wenn Du nach Hause zu Mama und Papa kommst“, so Kelm schmunzelnd.

Koch zu sein ist etwas, was man wollen muss. Nichts, um auf der Arbeit einfach nur die Zeit rumzukriegen. Und Kreativität sollte man haben. Vor allem sollte man auch bei kleinen Pannen die Ruhe und vor allem den Überblick behalten. So macht man ein Menü meist für sieben anstatt für bestellte fünf Personen, weil immer was passieren kann. Imo Kelm  erinnert sich an eine Begebenheit in Potsdam. In der Absprache mit den Gästen war Filet vorgesehen, welches aber versehentlich zum Catering rausgegangen war. Was machste nun, stellte sich Imo Kelm die Frage. In der Fleischkühlung fand er ein schönes Stück Roastbeef, das hat er entsprechend vorbereitet und alle Gäste waren sehr beeindruckt.

Als das Haus am See ausgeschrieben wurde, hat sich Imo Kelm beworben. Aber erst mal hieß es, noch einmal lernen, denn von Abrechnung hatte er noch keine Ahnung. So hat er ein Gründerseminar besucht und am Ende mit seinem Konzept den Zuschlag erhalten.

Imo Kelm legt viel Wert auf Regionalität und Nachhaltigkeit bei seinen Angeboten. Die meisten seiner Produkte kommen aus der Region, elf Zulieferer hat er. So bezieht er Eis und Bier von Eggesteins, Gebäck von Bäcker Alwe und Gehricke, die Spirituosen kommen aus Reppinichen, und auch das Fleisch ist regional. Während des Lockdowns hat Imo Kelm angefangen, einiges an Gemüse selbst anzubauen. Und man kann wirklich alles verwenden. Die Probe wurde aufs Exempel gemacht. Philipp Kiekels hatte eine Gemüsekiste mitgebracht. Diese wird derzeit vom ZEGG Garten in verschiedenen Größen angeboten und kann über garten@zegg.de bestellt werden. Der Inhalt: Sellerie, rote Bete, Rotkohl, Kartoffeln und Lauch. Und Imo Kelm hatte sofort Ideen, was man daraus Leckeres zaubern kann.

Imo Kelm und seine Mitstreiter wollen sich treu bleiben. Wer Pommes und Cola möchte, geht in einen Laden, wo es so etwas bekommt. Auch Essen to Go war während der Corona Zeit kein Thema, es hätte sich nicht gerechnet. So arbeitet Imo Kelm im Moment bei Edeka und bekommt einen Einblick in die Arbeit dort. Was seinen Respekt extrem erhöhte.

„Wir wollen klein und regional  bleiben“, ist die Devise von Imo Kelm. Weiterhin will er seine Ware mit dem Lastenfahrrad holen. Aber ohne Freunde geht es nicht, und so ist Imo Kelm froh, wieder zu Hause zu sein. Und so Corona es will, rechnet er zu Anfang Mai damit, das Haus am See wieder öffnen zu können.

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