“Was bewegt Dich?” – Interview mit Ina Welpmann aus Hagelberg

Hagelberg, Schmerwitz. Fläming 365 und Zauche 365 fragen 30 Menschen, was sie aktuell besonders bewegt. Unser Ziel ist eine Momentaufnahme des Denkens und Fühlens der Menschen in der Region, insbesondere vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der in der Folge auftretenden Probleme und Konflikte. Wir wollen Leserinnen und Leser zum eigenen Nachdenken anregen.

Interviewpartnerin bei diesem Interview ist Ina Welpmann, 51 Jahre alt, aus Hagelberg, Sozialarbeiterin in Schmerwitz.

Was bewegt dich im Augenblick?

Mich bewegt, wie wir nachhaltige gesunde Strukturen schaffen können hier im Fläming und auch in der Welt. Und wie wir in Frieden und Verbundenheit zusammenleben können. Dazu gibt es gerade im Fläming sehr schöne Initiativen und Menschen, die mutig sind, neue Wege zu gehen. Zum Beispiel bin ich seit Mai in der Solidarischen Landwirtschaft Fläming. Unser Gemüse kommt direkt hier vom Acker aus Lübnitz. Die Mitglieder können da mitgestalten für eine nachhaltige Form des (Land-)Wirtschaftens – und übernehmen damit Verantwortung für ihre Lebensgrundlage. Die Verbundenheit, die Gemeinschaft und das nachbarschaftliche Wachsen begeistern mich sehr. Hinter die Kulissen zu sehen und den ganzen Prozess mitzukriegen, auf dem Acker mitzuhelfen, mitzugestalten, gefällt mir schon gut. Im Vorstand möchte ich dieses tolle Projekt stärken und sehen, dass die Aufgaben auf viele Schultern verteilt werden.

Wie wirkt sich der Ukrainekrieg auf dich persönlich aus?

Natürlich hat er Auswirkungen auf mich. Deshalb bin ich hier in Schmerwitz. Über den Verein Soziale Arbeit Mittelmark e.V. leite ich die Gemeinschaftsunterkunft für ukrainische Geflüchtete. Das kann ich natürlich nur, wenn ich mit ganzem Herzen dabei bin. Die Schicksale beschäftigen mich jeden Tag. Ich schaue, wo ich mich engagieren kann und wo ich mitfühlen kann. Unsere Sorgen mit den Energiepreisen und der Inflation usw. sind so klein im Gegensatz zu den Dingen, die in der Welt passieren. Ich lasse mich dadurch nicht so sehr vereinnahmen. Letztlich verursache ich das durch mein Konsumverhalten mit. Ich kann mich verwirklichen und habe ein Dach über dem Kopf. Vielleicht habe ich am Ende des Jahres 500 Euro weniger durch die Preiserhöhungen. Aber das macht mich nicht wirklich ärmer. Mir ist wichtiger zu gucken, wo sind die Ursachen? Wie können wir uns als Menschenfamilie mehr verbinden? Was kann ich da tun – an meinem Platz mit meinen ganz eigenen Talenten und Möglichkeiten?

Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

Ich wünsche mir, dass wir mutiger in Verbindung miteinander gehen. Und mehr Vertrauen zueinander finden und aufhören, unsere inneren Kriege nach außen zu projizieren.

Hast du einen Lösungsansatz?

Ja, bei mir zu gucken. Wo ist mein innerer Krieg? Wie kann ich dem begegnen? Wo ist meine innere Separation. Es geht nicht darum, andere anders haben zu wollen. Es fängt bei mir an. Ich entscheide, wie ich auf die Dinge schaue und was ich erlebe – die Verantwortung liegt ganz bei mir.

Was bewegt dich sonst noch?

Seit drei Jahren habe ich einen Wir-Raum inspiriert. Einmal wöchentlich treffen sich Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Fläming und tauschen sich aus. In einem geschützten ruhigen Raum, der frei von Kommentaren und Gewohnheiten ist, erwischt man eine andere Ebene in sich. Es geht darum, einfach da zu sein. Eine Teilnehmerin sagte letztens: Hier geht es darum, Wahrheit zu sprechen. Und ja, dadurch entsteht eine besondere Verbindung zwischen den Menschen. Das wird auch immer wieder sehr wertgeschätzt von den Teilnehmenden. Es entstanden daraus gerade während der Coronazeit wichtige Unterstützungsnetzwerke. Und in der Nachbarschaft ist es etwas wärmer geworden. Wenn bald die Sprachbarriere mit den Geflüchteten aus der Ukraine bewältigt ist, möchte ich so einen Raum auch für sie anbieten. Das kann stabilisieren und auch schwierige Gefühle kanalisieren. Dazu frische ich gerade mein DDR-Russisch wieder auf. Genau darum geht es letztlich auch in meiner nebenberuflichen Passion in der Begleitung von Gruppen. Mit Gruppendynamik und Systematischer Beratung begleite ich Gruppen- und Teambildungsprozesse. Auch hier geht es darum, sich ehrlich zu begegnen und die insgeheimen Waffen aus Urteilen und Beschuldigungen abzulegen. Wie einer meiner Lehrer sagt: es geht um persönliche Abrüstung. Ja, und da hinschauen zu können, haben wir doch in unserer freien entwickelten Kultur ein großes Privileg. Und wie ich finde auch die Notwendigkeit, für unser Denken und Tun und auch Nichttun Verantwortung zu übernehmen. Das klingt vielleicht etwas streng, aber wenn ich mich wirklich darauf einlasse, merke ich, dass mich das eigentlich frei macht, weil ich damit selbst Gestalterin meines Erlebens bin.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Alle Was-bewegt-dich-Interviews auf Fläming 365 findest du HIER. Außerdem empfehlen wir dir auch die entprechenden Interviews auf Zauche 365)


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