“Was bewegt Dich?” – Interview mit Juliane Barten aus Garrey

Garrey. Fläming 365 und Zauche 365 fragen 30 Menschen, was sie aktuell besonders bewegt. Unser Ziel ist eine Momentaufnahme des Denkens und Fühlens der Menschen in der Region, insbesondere vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der in der Folge auftretenden Probleme und Konflikte. Wir wollen Leserinnen und Leser zum eigenen Nachdenken anregen.

Interviewpartnerin bei diesem Interview ist Juliane Barten. Sie lebt seit 2018 in Garrey, ist alleinerziehende Mutter zweier Töchter (4 und 9 Jahre alt) und arbeitet als landwirtschaftliche Unternehmensberaterin.

Was bewegt Dich im Moment?

Mein aktuelles Hauptthema ist eigentlich, wie ich und andere unter den aktuellen Bedingungen hier hochwertig leben können – vor allem als Alleinerziehende. Das hat sich am deutlichsten zu Lockdown-Zeiten bemerkbar gemacht, als Kitas und Schulen geschlossen waren: „Hier habt ihr die Kinder, nun seht zu.“ Frauen werden in unserer Gesellschaft leider immer noch als kostenlose Arbeitskraft genutzt: Sie kümmern sich um Familie, Haushalt, zu pflegende Angehörige und müssen schauen, wie sie alles mit ihrem Beruf vereinbaren können. Das wird von vielen immer noch als normal und „natürlich“ bewertet. Wenn zum Beispiel die Kita verkürzte Öffnungszeiten hat, ist es größtenteils an der Frau, die Betreuung zu übernehmen. Diese kostenlose reproduktive Arbeit regt mich einfach auf. Mehr Wertschätzung und natürlich mehr Einbeziehung der Männer sind längst überfällig.

Welche Gedanken bewegen dich bezüglich des Kriegs in der Ukraine?

Man muss helfen, auf jede nur erdenkliche Weise. Da in meinem Haus zwei Zimmer leer standen, kam ich auf die Idee, geflüchtete Menschen aufzunehmen. Ich bin auf Facebook einer Gruppe beigetreten, die private Unterkünfte für Flüchtlinge vermittelt. So kam ich zu meinen neuen Mitbewohnerinnen: Oma, Mama und Tochter (7 Jahre) wohnen seit März bei mir, und wir kommen sehr gut miteinander klar, auch wenn die WG eine neue Wohnerfahrung für alle ist. Allgemein war ich über die Hilfsbereitschaft überrascht. Sicher hängt das auch mit Vorurteilen zusammen, die Frauen mit Kindern als weniger „gefährlich“ sehen und die Ukraine als europäisch betrachten. Diese Offenheit würde ich mir allen Flüchtenden gegenüber wünschen.

Wie siehst Du die Arbeit im Land und im Landkreis?

Da muss sich in der Haltung dringend etwas ändern. Es funktioniert nicht, immer nur nach Vorschrift zu arbeiten: Es sollte mehr auf die Menschen, speziell die ehrenamtlich arbeitenden Menschen, zugegangen werden. Ich musste mich zum Beispiel selbst kümmern, ob es Fördermittel für die Flüchtlinge gibt. Migration ist ja nun kein neues Thema, und ich würde mir mehr Ansprechpartner auf offizieller Seite wünschen. Über den Verein „Freunde des weißen Raben“ haben wir es dann geschafft, Saisontickets für das Niemegker Freibad für die Flüchtlingsfamilien zu organisieren.

Insgesamt erscheint mir die Verwaltung und Politik zu behäbig, um mit solchen Ereignissen wie einer Flüchtlingswelle umzugehen. Dadurch wird Engagement durch einzelne Menschen oder Organisationen extrem ausgebremst. Es wird sich leider noch immer zu sehr hinter Paragrafen versteckt, anstatt die Dinge ganz praktisch und mit weniger Hürden anzugehen.

Wie sieht es in Deinem persönlichen Leben aus?

Ich bin aktuell sehr glücklich und in mir selbst ruhend. Ich habe nicht mehr das Gefühl, irgendjemandem irgendetwas beweisen zu müssen und sehe entspannt in die Zukunft. Was kommt, dass kommt eh. Grundsätzlich bin ich ein sehr optimistischer Mensch. Ich bin hier auf diesem kleinen Dorf mitten in der Natur angekommen und will auch nicht wieder weg.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Alle Was-bewegt-dich-Interviews auf Fläming 365 findest du HIER. Außerdem empfehlen wir dir auch die entprechenden Interviews auf Zauche 365)


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