Bad Belzig: Der ländliche Raum wird digital

Bad Belzig. Wir werden an der Digitalisierung unserer Welt nicht vorbei kommen. Auch nicht in Brandenburg. Auch wenn es dort noch große Lücken gibt. Das liegt aber nicht am Geld, immerhin hat das Land 65 Millionen Euro für den Breitbandausbau bereit gestellt. „Das liegt eher an den Baukapazitäten“, so Thomas Kralinski, Chef der Staatskanzlei Potsdam, auf dem zweiten Bahnhofsgespräch in Bad Belzig. Jeder, der schon mal auf der Suche nach einer Handwerkerfirma war, wisse, dass es teils erhebliche Wartezeiten gibt. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet man in Brandenburg am Thema Digitalisierung. Immerhin belegt Brandenburg bundesweit dabei den vierten Platz, bei der Gründung von Startups steht es  sogar auf Platz drei, es tut sich also was. Dabei soll die Digitalisierung das Leben der Menschen leichter machen. “Wir machen die Digitalisierung nicht, weil es geht, sondern weil sie das Leben von Menschen vereinfacht“, so Kralinski. Ganz nach dem Motto einer ehemaligen Werbekampagne von VW „Umparken im Kopf“. Derzeit wird daran gearbeitet, die Verwaltung zu digitalisieren um den Menschen so Wege zu ersparen. Ebenso stehen die Schulen im Fokus. Für diese soll eine Schulcloud entwickelt werden, um das Lernen interessanter zu machen und die Arbeit der Lehrer, aber auch die der Eltern mit den Kindern zu erleichtern. Keine leichte Aufgabe für das Hasso-Plattner-Institut, welches die Cloud entwickelt. Auch für Homeoffice sieht Kralinski große Vorteile durch die Digitalisierung.

Aber auch die Medien verändern sich durch die zunehmenden digitalen Angebote. Im Gegensatz zu Ländern wie die USA gibt es in Deutschland noch privaten Rundfunk- und Fernsehsender, Verlage und Lokalredaktionen der Zeitungen. Weidenfeld führte an, dass sich in den USA und Kanada zeigte, dass ohne Lokaljournalismus die Wahlbeteiligung sinkt, die Leute extremer wählen, sich radikalisieren und die Bürgermeister einen anderen Regierungsstil pflegen. Jedoch vermissen einige, wie Gustav Horn, bei Ereignissen wie den vergangenen Kommunalwahlen, eine ausreichende mediale Begleitung.

Das sieht auch Ursula Weidenfeld von der Landesmedienanstalt Potsdam ähnlich. Deshalb müsse man die Medienlandschaft unbedingt erhalten, wenn auch in veränderter Form. „Denn wie sollen sich die Bürger informieren, wenn es kein mediales Angebot mehr gibt?“, wirft sie die Frage in den Raum. Derzeit wird versucht, mit verschiedenen digitalen Modellen lokaljournalistische Angebote zu präsentieren. Damit könne man Kosten reduzieren und trotzdem die Menschen erreichen. Viele ältere scheuen sich jedoch davor, Tablet oder Smartphone in die Hand zu nehmen. Aber eins zieht immer, um sie dazu zu motivieren – lokale Nachrichten.

Jedoch gibt es besonders auf dem Land noch viele, meist ältere,  welche die klassischen Printmedien bevorzugen. Wie Wolf Thieme. „Die Menschen haben keine Ahnung von den neuen Begriffen und kommen nicht hinterher“, gibt er zu bedenken. Aber wie sieht es in zehn Jahren aus? Gibt es dann noch Zeitungsboten, die drei Abos zu einem bezahlbaren Preis ausliefern? Auch wenn Ursula Weidenfeld  die Begeisterung für Printmedien teilt, sie ist selbst journalistisch tätig, man kann den Lauf der Zeit nicht aufhalten. „Wir haben keine Wahl“, ist sie der Meinung. Es sei zwar eine Riesenumstellung für die ältere Generation, aber man müsse es versuchen.

Mit ihrer APP hat Bad Belzig einen Anfang gemacht. Inzwischen wurde sie über 1000-mal heruntergeladen. Auch wenn diese sicher noch nicht ausgereift ist. Man sei ja erst ganz am Anfang, so Weidenfeld. In der APP präsentieren sich auch die MAZ und Fläming 365. Letztere wird von Andreas Trunschke ehrenamtlich betrieben. Benno Rougk, Redaktionsleiter der MAZ in Brandenburg, bezweifelt, dass mit solchen Seiten professioneller Journalismus betrieben werden kann, da die Schreiber in der Regel keine journalistische Ausbildung haben. Er möchte die Wächterfunktion der Zeitung aufrecht erhalten und den Menschen die Möglichkeit zur öffentlichen Teilhabe geben. „Die Leute müssen merken, da sind Journalisten am Werk“, so Rougk. Trotzdem sieht er es problematisch, die Inhalte der MAZ dauerhaft kostenlos bereit zu stellen.

Aber braucht man diesen bürgerlichen Journalismus überhaupt? Ja, so Thomas Kralinski. Denn nur noch die Hälfte der Menschen hat ein Abo der Tageszeitung, sie brauchen aber trotzdem Räume für Diskussionen und Meinungsäußerungen. Die Angebote, welche die MAZ in die neue APP einstellt, sollen auch Anreiz für ein ABO sein.

„Wir brauchen beides“, so Andreas Trunschke, “ sowohl die Presse als auch den bürgerlichen Journalismus“, und bricht so eine Lanze für die MAZ. Die Mitarbeiter von Fläming 365 kommen zwar gut in die Fläche, können aber kaum Hintergrundrecherche betrieben. Außerdem haben die meisten keine journalistische Ausbildung. Deshalb sollen die Schreiber jetzt entsprechend qualifiziert werden. Trunschke sieht Angebote wie Fläming 365 als gute Ergänzung zur MAZ.

Das sieht auch Günter Baaske so. „Wir brauchen kritischen Journalismus“ stellt er fest. Besonders in Zeiten von Facebook, Twitter und Co, wo Informationen in die Welt gesetzt und tausendfach geteilt werden ohne den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Für ihn selbst ist zum Beispiel das digitale Abo der MAZ ein Glücksfall. „Als Politiker erwartet man von mir, umfassend informiert zu sein“, so Baaske. Wenn er früher aus dem Urlaub zurück kam, musste er sich durch Stapel von Zeitungen kämpfen. Jetzt hat er mit der APP alle Informationen auch um Urlaub dabei. „Die Zukunft liegt in solchen APPs“, sagt er, “ aber die Leute müssen es probieren.“

Aber man braucht auch einen Background, den eine APP nicht leisten kann. Das soll sie auch nicht, sie soll lediglich ein Informationsportal sein. Und keines falls ein Ersatz für die Presse. Wichtig wäre es, mehr Pfiff in die lokale Debatte zu bekommen, ist Andreas Trunschke der Meinung. Auf Fläming 365 gibt es dafür eine Kommentarfunktion, durch die Leser miteinander diskutieren können.

Nein, es ist sicher noch nicht alles perfekt in der Bad Belzig APP, aber es ist ein guter Anfang. Und es ist ein breites Umdenken gefragt, auch bei den Arbeitgebern in punkto Homeoffice. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

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